Der britische Premierminister Boris Johnson hat ein neues Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands offiziell abgelehnt. Er könne keinem Antrag zustimmen, der zu weiteren Unabhängigkeitsreferenden führen würde, schrieb Johnson in einem Brief an Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon. Die Regierung in London werde die "demokratische Entscheidung" der Schotten aus dem ersten Referendum "hochhalten". Alle sollten zusammenarbeiten, um das ganze Vereinigte Königreich zusammenzubringen.

Sturgeon hatte das neue Unabhängigkeitsreferendum nach den Parlamentswahlen im Dezember gefordert. Auf die Absage reagierte sie mit Kritik an Johnsons konservativer Partei. Die Tories hätten große Angst vor einem Referendum, da sie wüssten, dass sich die Schotten für die Unabhängigkeit aussprechen würden, sagte Sturgeon. Johnsons Position sei so vorhersehbar wie unhaltbar. Schottland werde das Recht haben, zu wählen.

Sturgeon kündigte an, ihre Regierung werde bis Ende Januar über ihre nächsten Schritte informieren. Zudem wolle sie das schottische Parlament erneut um Unterstützung für ein Referendum bitten. 

Um ein rechtlich bindendes Referendum abhalten zu können, muss Sturgeon den sogenannten Article 30 des Scotland Acts ziehen. Das würde bedeuten, dass eine entsprechende Befugnis von Westminster auf das Regionalparlament in Edinburgh übertragen würde. Beide Kammern des britischen Parlaments müssen darüber entscheiden. Die Konservativen hatten bei der Parlamentswahl 47 Sitze dazugewonnen und verfügen damit über die absolute Mehrheit im britischen Unterhaus. Bereits im Dezember hatte Johnson Sturgeons Forderung mündlich abgelehnt.

2014 hatten bei einer Volksabstimmung in Schottland 55 Prozent für den Verbleib im Vereinigten Königreich gestimmt. Sturgeon argumentiert jedoch, die Umstände hätten sich durch das Brexit-Referendum von 2016 verändert. Damals stimmte eine knappe Mehrheit der Briten für den EU-Austritt. 62 Prozent der Schotten votierten dagegen.