Still ist es um Taiwan geworden, diesen ewigen Konfliktherd zwischen China und den Vereinigten Staaten. Und doch sind die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an diesem Samstag höchst interessant. Aus zwei Gründen. Zum einen, weil es dabei auch um Hongkong geht. Zum anderen, weil die Wahlen zeigen: Chinesische Kultur und Demokratie, das passt ganz wunderbar zusammen. Man muss es nur erlauben.

Wäre es in Hongkong im vergangenen Jahr ruhig geblieben, Taiwans seit 2016 regierende Präsidentin Tsai Ing-wen hätte wohl um ihre Wiederwahl bangen müssen. Denn ihre Reformpolitik war nicht besonders populär; bei den Lokalwahlen 2018 erlitt die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) eine bittere Niederlage. Als die Proteste in Hongkong begannen, lag Tsai Ing-wen in den Umfragen weit zurück hinter Han Kuo-yu, dem Präsidentschaftskandidaten der oppositionellen Kuomintang; seitdem ist sie fast uneinholbar in Führung gegangen.

Tsai Ing-wen scheint es zu gelingen, die Wahlen zu einer Abstimmung über die Souveränität der Inselrepublik zu machen. Als Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping vorschlug, die große Volksrepublik China und das kleine Taiwan nach der Hongkong-Formel "Ein Land, zwei Systeme" zu vereinigen, lehnte sie dies empört ab. Und sie blieb dabei. "In Hongkong, wo es 'Ein Land, zwei Systeme' gibt, ist die Situation immer schlimmer geworden. Demokratie und Autoritarismus können nicht im selben Land nebeneinander existieren", sagte sie im Wahlkampf. 

Auch Hongkong war eine Erfolgsgeschichte

Seit siebzig Jahren ist Taiwan faktisch unabhängig. Am Ende des chinesischen Bürgerkriegs flüchteten 1949 die Reste der besiegten nationalistischen Armee Chiang Kai-sheks vor den kommunistischen Truppen Mao Zedongs auf die 160 Kilometer vor dem Festland gelegene Insel. Bis heute hält die Regierung in Peking unbeirrt an der Einheit des Landes fest. Notfalls, das betont sie immer wieder, ist sie gewillt, die Wiedervereinigung gewaltsam zu erzwingen.    

Aber eine Wiedervereinigung mit dem Festland – das wünschen sich einer aktuellen Umfrage zufolge nur noch 6,2 Prozent der Bürger Taiwans. Nach formeller Unabhängigkeit streben 27,2 Prozent. Am Status quo der faktischen Eigenständigkeit wollen 58,1 Prozent festhalten. Und die meisten Einwohner sehen in Tsai Ing-wen die beste Garantin der Souveränität Taiwans.

Das gilt besonders für die Jungen. Die Volksrepublik China ist ihnen fern, politisch und kulturell. Laut einer zweiten Umfrage sehen sich 83,1 Prozent der Erstwähler als Taiwaner, gerade 1,1 Prozent betrachten sich als Chinesen, 11,5 Prozent als Taiwaner und Chinesen zugleich. Im Laufe der Jahrzehnte ist die Entfremdung immer größer geworden. Wollten die Nationalisten einst noch die Macht auf dem Festland zurückerobern, so möchten ihre Enkel mit dem Traum von der Einheit in Ruhe gelassen werden und stattdessen die von der Elterngeneration eroberte Demokratie und den inzwischen erreichten Wohlstand genießen.

Umso größer die Sympathie, mit der vor allem die jungen Taiwaner in den vergangenen sechs Monaten die Proteste in Hongkong verfolgt haben. Aus der Sympathie wurde Solidarität. Etwa sechzig Hongkonger Aktivisten sind auf die Insel geflohen. Dort haben sie zwar kein politisches Asyl erhalten, aber sie werden geduldet. Die Behörden haben ihre Touristenvisa immer noch einmal verlängert. Anwälte und Abgeordnete helfen ihnen diskret beim Antrag auf ein Studentenvisum oder eine Arbeitserlaubnis. 

Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern ist ein politisches Gegenmodell zur Volksrepublik mit ihren 1,4 Milliarden Menschen geworden. Als in den Achtzigerjahren rund um die Welt die autoritären Strukturen aufbrachen, hob die Kuomintang 1987 das Kriegsrecht auf. Seitdem hat sich Taiwan zu einem weltoffenen Land, zu einer modernen Demokratie mit einer bunten Gesellschaft entwickelt. Mehrfach hat die Macht friedlich gewechselt zwischen der einst allmächtigen Kuomintang und der Demokratischen Fortschrittspartei. Die Presse ist frei, die Bürgerrechte werden geachtet. Im vergangenen Jahr erlaubte Taiwan als erstes asiatisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe.

Eine Erfolgsgeschichte also. Aber das war Hongkong bis vor Kurzem auch. Die Wählerinnen und Wähler können am Samstag nur darüber abstimmen, ob sie wünschen, dass sich diese Erfolgsgeschichte fortsetzt. Die Entscheidung darüber, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, treffen am Ende aber nicht sie, die trifft die Führung in Peking. Auch das haben Taiwan und Hongkong gemeinsam.