Über eine deutsch-französische Atombombe werden sich die beiden Länder schwer verständigen können. Außerdem hätte sie Auswirkungen auf Gesamteuropa, schreibt Barbara Kunz. Sie ist Wissenschaftlerin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will diese Woche über seine Atompläne sprechen. Auch in Deutschland wird darüber diskutiert: In der CDU gibt es Forderungen für eine Atompartnerschaft mit Frankreich, die SPD will sie aber nicht.

Eine deutsch-französische Atombombe ist in sicherheitspolitischen Debatten immer wieder ein Thema. Meist jedoch diskutieren beide Länder separat und oft ohne überzeugende sicherheitspolitische Argumente. Dass nukleare Abschreckung sinnvoll sei, wird einfach vorausgesetzt. Auch das Interesse der jeweils anderen Seite an einem Zusammenschluss wird behauptet – obwohl es nicht unbedingt gegeben ist. Darüber hinaus kann und darf nukleare Abschreckung nicht isoliert von der Sicherheitslage insgesamt betrachtet werden. Eine deutsch-französische Atombombe hätte weitreichende Auswirkungen auf Gesamteuropa, die Partner in der Europäischen Union und natürlich auf das deutsch-französische Verhältnis.

Ignoriert wird in den deutschen Debatten etwa gerne, dass die französische Nuklearpolitik gar nicht auf Zusammenarbeit ausgelegt ist. Frankreich nimmt bislang noch nicht einmal an der Nuclear Planning Group der NATO teil; der französische Präsident ist Herr über seine force de frappe – Einmischung ist unerwünscht. Es gibt bessere Voraussetzungen für Zusammenarbeit.

In Wirklichkeit ist die Angelegenheit also viel komplizierter, als es zum Beispiel die Ideen von Johann Wadephul erscheinen lassen. Der CDU-Politiker sagte etwa dem Tagsspiegel: "Deutschland sollte bereit sein, sich mit eigenen Fähigkeiten und Mitteln an dieser nuklearen Abschreckung zu beteiligen. Im Gegenzug sollte Frankreich sie unter ein gemeinsames Kommando der EU oder der Nato stellen." 

Seit Charles de Gaulle gilt die französische Abschreckungspolitik "tous azimuts – in alle Richtungen – gegen jeden Staat, der Frankreich bedroht. Auch im neuesten französischen Weißbuch (die Revue stratégique von 2017) ist von keinem konkreten Feind die Rede, der nuklear abgeschreckt werden müsste. Vielmehr sei die Bombe der Eckpfeiler der französischen Verteidigungsstrategie. Durch ihre bloße Existenz "trägt sie zur atlantischen Sicherheit und zur Sicherheit Europas bei". Mit anderen Worten dient die nukleare Abschreckung als eine Art allgemeine Lebensversicherung.

Auch die deutschen Befürworter einer deutsch-französischen Bombe hätten gerne eine solche Lebensversicherung. Dabei geht es ihnen wohl vor allem darum, einen neuen Versicherungsanbieter zu finden, da die USA diese Rolle womöglich nicht mehr ausfüllen wird. Nun soll Frankreich einspringen. Doch ein französisches Angebot dürfte kaum ein solches Rundum-sorglos-Paket bieten wie die amerikanische Politik bisher. Deutschland hat nicht nur mit Amerika, sondern auch mit Frankreich ein massives Burden-Sharing-Problem. Wer es leid ist, mit den Amerikanern darüber zu streiten, wie hoch der Anteil Deutschlands an den Sicherheitskosten der Nato sein muss, sollte sich gut überlegen, ob er ernsthaft mit Paris über nukleare Zusammenarbeit sprechen möchte.

Diese wird es nicht einfach so geben. Geld ist in diesem Zusammenhang für Frankreich nicht einmal das Wichtigste. Paris möchte endlich militärische Unterstützung in der Sahelzone bekommen – und zwar nicht nur in der Logistik und im Rahmen der UN-Operation MINUSMA, sondern da, wo es wirklich wehtut: bei der aktiven Bekämpfung von Terroristen.

Auch zu den deutsch-französischen Industrieprojekten wie dem Kampfflugzeug FCAS – Stichwort Rüstungsexporte – wünscht sich Paris schon lange eine andere deutsche Haltung. Die strengere deutsche Rüstungsexportpolitik irritiert in Frankreich in hohem Maße, ist man doch überzeugt, dass gemeinsam gebaute Rüstungsgüter auch international verkauft werden sollten.