Der britische Premierminister Boris Johnson will sich auf keinen Fall vertraglich auf die Einhaltung von EU-Standards festlegen lassen. Das geht aus vorab verbreiteten Auszügen einer Rede hervor, die Johnson an diesem Montag vor Unternehmern und Geschäftsleuten halten will. Darin will der Premier seine Verhandlungsziele bei den anstehenden Gesprächen über die künftigen Beziehungen zur EU präsentieren.

Großbritannien war in der Nacht zum Samstag aus der EU ausgetreten. In einer Übergangsfrist bis Jahresende ändert sich im Alltag vieler Britinnen und Briten zunächst nichts. Während dieser Zeit wollen sich beide Seiten über die Regelung ihrer künftigen Beziehungen einig werden. Neben dem Handel geht es unter anderem um Fischereirechte, Sicherheitsfragen und den Zugriff auf Datenbanken. Die Frist bis Jahresende gilt eigentlich als viel zu kurz, doch eine Verlängerungsoption um bis zu zwei Jahre, die noch bis Ende Juli offensteht, lehnt Johnson vehement ab.

"Wir kriegen die Kontrolle über unsere Gesetze zurück"

In den von der britischen Regierung vorab verbreiteten Passagen seiner Rede hieß es, man wolle in den Verhandlungen mit der EU "eine harte Linie" einnehmen. Johnson will laut den Auszügen eine "pragmatische" Handelsvereinbarung mit der Europäischen Union und lehnt die "volle Palette" der EU-Regulierungen ab. Großbritannien wolle zwar "die höchsten Standards" und sogar noch höhere Standards als jene der EU, hebt der Premier demnach hervor. Doch sollen diese Standards "ohne den Zwang eines Vertrags" mit der EU gewahrt werden. Johnson kündigt auch an, falls ein umfassendes Handelsabkommen mit der EU nicht erreichbar sei, dann wolle seine Regierung ein kleineres Abkommen abschließen.

Großbritannien - Der Brexit kommt und geht doch erst richtig los Großbritannien verlässt die Europäische Union – drei Jahre Chaos finden ein vorläufiges Ende. Was der Schritt für die Briten und für die EU bedeutet, zeigt unser Video.

Bislang sah es danach aus, dass die Regierung in London ein Handelsabkommen nach dem Vorbild Kanadas anstrebt. Medienberichten zufolge misst Johnson den Befürchtungen aus der Wirtschaft aber keine allzu große Bedeutung mehr zu und strebt deshalb eher losere Beziehungen zur EU an. "Wir kriegen die Kontrolle über unsere Gesetze zurück", sagte dazu der britische Außenminister Dominic Raab dem Sender Sky News. Es werde nicht zwingend eine große Übereinstimmung mit der EU geben.

Australien- statt Kanada-Modell

Diese Absichten der britischen Regierung werden inzwischen als Australien-Modell bezeichnet, angelehnt an das Rahmenabkommen der EU mit dem fünften Kontinent. In der Vereinbarung geht es lediglich um die technische Organisation des Handels und Regelungen zum Flugverkehr. Im Großen und Ganzen findet der Handel zwischen Europa und Australien auf Grundlage der Welthandelsorganisation (WTO) statt. Auf Großbritannien übertragen wäre dies gleichbedeutend mit dem gefürchteten No Deal. 

Aufseiten der Europäischen Union wachsen deshalb die Sorgen davor, dass Großbritannien künftig Unternehmen mit niedrigeren Steuern und laxeren Vorschriften anlocken wird. Die EU-Kommission, die ihre Vorschläge für die anstehenden Handelsgespräche ebenfalls an diesem Montag vorlegt, will den Briten aber nur dann Zugang zum europäischen Binnenmarkt geben, wenn sie sich an die geltenden Standards halten. EU-Chefunterhändler Michel Barnier pocht dabei auf gleiche Wettbewerbsbedingungen. Die Formel laute: "Keine Zölle, keine Kontingente, kein Dumping."