Mein Vater, ein Mörder? – Seite 1

Seit dem 20. Oktober vergangenen Jahres denkt Francesca Mendoza darüber nach, ob ihr Vater ein Mörder sein könnte. Die 27-jährige Lehrerin mit den dichten schwarzen Locken ist seit Beginn der Proteste in Chile fast jede Woche auf der Straße, meistens in der ersten Reihe. Und ihr Vater ist Polizist. Doch Mendoza fürchtet sich nicht davor, ihm auf der Straße zu begegnen. Sie fürchtet sich vor seiner Vergangenheit, denn er war während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet bei der Geheimpolizei.

Helm, Maske, Brille

An einem Freitag Anfang Januar steht Mendoza zwischen Tausenden anderen Protestierenden nahe der Plaza Italia im Zentrum der chilenischen Hauptstadt Santiago. Eine Großdemonstration sollte auf der Plaza stattfinden, wie jede Woche, doch die Polizei hat die Zugangsstraßen gesperrt. Immer wieder rennen die Demonstranten nach vorne, die Polizei treibt sie mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen zurück. Mendoza trägt Schutzausrüstung wie die meisten hier: einen silbernen Fahrradhelm, eine Atemmaske und eine Plastikbrille.

Bis Ende Januar hat die Generalstaatsanwaltschaft 31 Menschen registriert, die durch die Proteste umgekommen sind. Die chilenische Menschenrechtskommission zählte bis zum 18. Februar fast 3.800 Verletzte, davon mehr als 400 an den Augen. "El que no salta es paco", ruft Mendoza im Chor. "Wer nicht hüpft, der ist ein Bulle."

"Als im Oktober überall Menschen anfingen, gegen die sozialen Ungleichheiten in Chile zu protestieren, war das für mich eine persönliche Angelegenheit", sagt sie. Die Massenproteste begannen am 18. Oktober 2019. Sie sei zu diesem Zeitpunkt an der Universität im Zentrum Santiagos gewesen. Als die ersten Polizeiwagen auftauchten, hätten die Umstehenden schon Steine aus dem Bürgersteig gegraben. "Mein erster Stein auf ein Polizeiauto war ein Stein der Erleichterung", sagt Mendoza.

Por mi tita
Grafito von Francesca Mendoza

Sie arbeitete damals als Lehrerin, fuhr jeden Tag zwei Stunden zur Arbeit und zwei zurück – das Geld reichte trotzdem nicht. Kurz darauf wurde sie krank, konnte sich aber die Behandlung kaum leisten. 2018 hatte zudem ihre Großmutter Krebs bekommen und begonnen, Blut zu husten. Weil die Familie keine private Krankenversicherung für sie bezahlen konnte, musste die alte Frau lange auf einen Behandlungstermin warten. Zu lange – als der Termin für die Krebstherapie kam, war sie bereits seit sechs Monaten tot. Bei den Protesten hat Mendoza stets eine Spraydose dabei. "Por mi tita" schreibt sie damit auf die Wände – "Für meine Oma".

Wegen Schicksalen wie dem von Mendozas Großmutter protestieren seit Monaten Woche für Woche Tausende Chilenen. Während der Herrschaft von Augusto Pinochet von 1973 bis 1990 wurde das Land zu einem Labor des Neoliberalismus umgebaut. Die Bildung, das Renten- und das Gesundheitssystem, sogar die Wasservorkommen sind seitdem privatisiert. Die Regierungen danach haben daran wenig geändert, und wenn sie es doch versuchten, wurden Reformen oft vom Verfassungsgericht für ungültig erklärt, etwa die des Bildungssystems 2018. Wer studieren will, muss heute umgerechnet zwischen 5.000 und 10.000 Euro pro Jahr bezahlen. Die Hälfte der Bevölkerung verdient umgerechnet weniger als 500 Euro im Monat.

Doch der Protest hat nicht nur wirtschaftliche Aspekte. In Mendozas Familie spült er schmerzhafte Fragen über die Vergangenheit an die Oberfläche.

Der Streit

Francesca bereitet sich auf die Demo vor. © A.Rustom für ZEIT ONLINE

Als am 20. Oktober 2019, zwei Tage nach dem Beginn der Proteste, ein Generalstreik ausgerufen wird, ruft sie morgens ihren Vater an. Am Telefon regt er sich über die Chaoten auf, die Unordnung auf der Straße veranstalteten. Die Tochter hält dagegen: Der Protest sei notwendig, die friedlichen Demonstrationen der vergangenen 15 Jahre hätte die Politik einfach ignoriert. Am Ende legt der Vater auf. Die Situation in Santiago eskaliert, das Militär wird auf die Straße geschickt und es werden Tote gemeldet. Vater und Tochter reden wochenlang nicht miteinander.

"Ich liebe meinen Vater sehr", sagt Mendoza, "aber in diesem Moment begann mein Bild von ihm zu bröckeln." Wenn ihr Vater heute solche Meinungen vertrete, was habe der Polizist dann wohl während der Diktatur gedacht und getan? Doch darüber schweigt ihr Vater. "Er hat schon immer gesagt, das nimmt er mit ins Grab", erzählt sie. Die Tochter weiß nur, dass er als Zivilpolizist gearbeitet hat, um sogenannte Unruhestifter zu finden.

Zwei Wahrheitskommissionen haben 1991 und 2004 Licht ins Dunkel der Zeit der chilenischen Diktatur gebracht. Zwischen 1973 bis zum Ende des Regimes am 11. März 1990 wurden in Chile etwa 3.000 Menschen ermordet oder verschwanden spurlos. Fast 40.000 wurden gefoltert und über 200.000 flohen ins Exil. Bis heute sitzen wegen eines Amnestiegesetzes für diese Taten jedoch nur etwas mehr als 100 Verantwortliche im Gefängnis. Von vielen Verschwundenen fehlt bis heute jede Spur.

Pakt des Schweigens

Nur ein einziges Mal gibt ihr Vater etwas von seiner Vergangenheit preis. "Er hatte vor ein paar Jahren einen Unfall und stand unter Schock", erinnert sich Mendoza. Damals habe er ihr erzählt, dass er nicht glücklich sei, seine Vergangenheit verfolge ihn. "Ob er an Morden beteiligt war, am Verschwinden von Menschen oder ob er etwas anderes meinte, darüber bin ich mir nicht im Klaren", sagt Mendoza.

"Es gibt einen Pakt des Schweigens bei Militär und Polizei", bestätigt Pepe Rovano, Dokumentarfilmer und Mitgründer der Nichtregierungsorganisation Historias Desobedientes  – wörtlich: ungehorsame Geschichten. Die Gruppe wurde im September vergangenen Jahres von Angehörigen von Tätern der Diktatur gegründet, die die Verbrechen ihrer Eltern öffentlich thematisieren und aufarbeiten wollen.

Mein Vater hat sechs Mitglieder der Kommunistischen Partei in Chile umgebracht.
Pepe Rovano

Rovano hat als Dokumentarfilmer bereits Dokumentationen zu Opfern der Franco-Diktatur in Spanien sowie der Pinochet-Diktatur in Chile gedreht. Aber noch wichtiger: Auch sein Vater war Polizist unter Pinochet. "Mein Vater hat sechs Mitglieder der Kommunistischen Partei in Chile umgebracht. 2008 wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt, musste aber nie ins Gefängnis", sagt Rovano. Das sei in vielen Fällen in Chile passiert.

Der Übergang zur Demokratie am 11. März 1990 sei ein Kompromiss mit den Herrschenden gewesen, sagt Rovano. Ein "Nie wieder", wie es das in Deutschland gegeben habe, habe Chile nicht erlebt. Ein Amnestiegesetz habe lange verhindert, dass die Taten aus der schlimmsten Phase der Diktatur verfolgt würden. Auch personell habe es viel Kontinuität gegeben. Militärs, Polizisten und Politiker hätten ihre Funktionen behalten; der Diktator Pinochet selbst blieb bis 1998 Oberbefehlshaber der Armee. "In Chile haben bei Weitem nicht alle etwas gegen Pinochet", sagt Rovano. "Die Hälfte hasst ihn, die Hälfte liebt ihn."

Manche lieben Pinochet immer noch

Francesca Mendoza unter Demonstranten in Santiago © A.Rustom für ZEIT ONLINE

Pinochet wurde 1998 während einer Reise nach Großbritannien verhaftet und nach seiner Auslieferung in Chile vor Gericht gestellt. Er starb 2006, bevor der Prozess gegen ihn abgeschlossen werden konnte. Dennoch gebe es Fortschritte, sagt Rovano. Durch den Prozess gegen Pinochet sei zum Beispiel das Amnestiegesetz aufgeweicht worden. Die Fälle von Verschwundenen zählten seither als laufende Ermittlungen und könnten nicht ohne Weiteres verjähren oder amnestiert werden. Das habe den Weg für weitere Verfahren geöffnet.

"Es ändert sich etwas, doch es bleibt noch viel zu tun", sagt er. Von 1.132 Verschwundenen hat man bis heute nur 148 gefunden. "Man muss dieses Verschwundensein beenden, sonst wird der Schmerz darüber von Generation zu Generation weitergegeben."

In der Küche ihrer Wohngemeinschaft wäscht sich Mendoza den Demoschmutz aus dem Gesicht. Auf dem Fensterbrett stehen zwei Tränengasgranaten, aus denen sie Blumentöpfe gemacht hat. "Ich verstehe nicht, wie mein Vater die sozialen Probleme so vom Tisch wischen kann", sagt sie. Er kenne die Realität in Chile und sei eigentlich ein reflektierter Mensch. Als sie acht Jahre alt war, habe die Familie das Angebot bekommen, in ein subventioniertes Wohnviertel für Polizisten und Militärs zu ziehen, mit eigener Schule und eigenem Krankenhaus. Doch der Vater entschied sich dagegen und sie zogen in ein Arbeiterviertel. Seiner enttäuschten Tochter erklärte er: "Die Welt ist nicht so wie in dieser Siedlung. Du sollst nicht in einer Lüge leben." Über diese Entscheidung ist Mendoza heute froh.

Du sollst nicht in einer Lüge leben.
Francesca Mendozas Vater zu seiner Tochter in der Kindheit

Chile ist ein gespaltenes Land, geteilt in rechts und links, in reich und arm, in Gegner der Proteste und Unterstützer. Mendoza ist in beiden Welten aufgewachsen. Auf der einen Seite ihre Familie, befreundete Polizisten und Pinochet-Anhänger. "Meine Mutter liebt Pinochet", sagt Mendoza. In ihren Augen habe der Diktator das Land gerettet, modernisiert und die Basis für das wirtschaftliche Wachstum geschaffen. Auf der anderen Seite ihre Schulfreunde. Sie sind die Generation, die 2006 mit der sogenannten Pinguin-Revolution – wegen der schwarz-weißen Schuluniformen – den bis dahin größten Schülerprotest in Chiles Geschichte angezettelt haben. Im Oktober 2019 war es dann eine neue Generation von Schülerinnen und Schülern, die durch kollektives Schwarzfahren die Protestwelle auslöste. "Die großen politischen Bewegungen der letzten Jahre kamen alle von den jungen Generationen, die die Diktatur nicht erlebt haben und sich trauen, unbequeme Fragen zu stellen", sagt Mendoza.

Ein Gespräch ist nicht möglich

Knapp zwei Monate nach dem Streit, kurz vor Weihnachten 2019, muss sich Mendozas Vater einer Operation unterziehen. Einen Tag danach habe sie ihn im Krankenhaus besucht, erzählt sie. "Es war ein Militärkrankenhaus, er hatte ein Einzelzimmer mit einem Panoramablick auf die Anden", sagt sie. Sie habe an das kleine, stickige Krankenhauszimmer denken müssen, in dem ihre Großmutter vor ihrem Tod mit drei anderen gelegen habe, es aber nicht angesprochen. Immer wieder habe das Handy des Vaters gepiepst: Mendoza hörte Voicemails, die die Polizeikollegen in eine WhatsApp-Gruppe schickten. "Wie die über die Demonstranten geredet haben, da sind richtige Faschisten dabei", sagt Mendoza. "Zum Beispiel: 'Wir müssen das Vaterland vor diesem Ungeziefer retten' und solche Dinge."

Sie sinkt erschöpft auf einen Stuhl am Küchentisch. Sie würde ihren Vater gerne direkter nach seiner Vergangenheit fragen, aber solange er gesundheitlich so angeschlagen sei, wolle sie keinen neuen Streit riskieren.

"Vielleicht schweigt mein Papa auch, weil er eben nicht gefoltert hat", überlegt sie. Denn die Polizisten würden sich auch untereinander verurteilen, wenn jemand nicht getan habe, was von ihm verlangt wurde. Vielleicht schweige ihr Vater ja, weil er nicht mitgemacht habe. "Das wäre doch auch eine Erklärung", wiederholt Mendoza. Als müsste sie es sich selbst bestätigen.