Es ist ja nicht so, dass niemand wissen konnte, was kommen würde. Im Gegenteil: Nichts von dem, was gerade in Idlib passiert, ist überraschend. Nicht die russischen Bomben, die immer wieder gezielt Krankenhäuser treffen, nicht die massenhaften Vertreibungen durch die syrischen Truppen, nicht die Gewalt, die mit jedem Tag mehr eskaliert und durch die immer mehr Menschen sterben.

Das alles ist der perfide Höhepunkt einer wohl kalkulierten Strategie, die sich nun erneut in ihrer ganzen Grausamkeit offenbart. 

In Idlib, der letzten noch von Rebellen kontrollierten Provinz in Syrien, leben drei Millionen Menschen. Viele von ihnen sind zuvor aus anderen Regionen dorthin geflohen oder deportiert worden. Idlib wird noch von Zehntausenden islamistischen Kämpfern beherrscht, die die Zivilisten teils gewaltsam unterdrücken. Seit Monaten versucht der syrische Machthaber Baschar al-Assad mit seinen russischen und iranischen Verbündeten Idlib zurückzuerobern, seit Dezember tut er das auf die Weise, die er mittlerweile am besten beherrscht: mit größtmöglicher Brutalität.

Auf der Flucht vor der Rache des Regimes

Mehr als eine halbe Million Menschen sind seitdem auf der Flucht, Hunderte wurden getötet und es dürften noch deutlich mehr werden, je weiter das Regime kommt. Die Regimetruppen erobern derzeit Dorf um Dorf zurück, nun stehen sie kurz vor der Provinzhauptstadt Idlib. Sollten sie die Stadt einnehmen, könnte Schätzungen zufolge noch zusätzlich eine Million Menschen vertrieben werden.

Um der Rache der Regimesoldaten zu entkommen, fliehen die Menschen an die – geschlossene – türkische Grenze. Die, die etwas mehr Glück hatten, harren in Zelten aus, andere suchen bei eisiger Kälte Schutz unter Bäumen oder in leerstehenden Häusern. Viele haben sich lediglich mit ein paar Decken ein notdürftiges Lager an der Straße oder auf Feldern errichtet. Vor allem den Babys und Kleinkindern drohen Erfrierungen, viele der Vertriebenen haben kaum noch Nahrung und sauberes Wasser. Und als sei das nicht schlimm genug, wissen sie: Sie kommen da nicht mehr raus. Auch diese psychische Zerstörung gehört zu Assads Strategie.

Seit neun Jahren führt Assad einen Vernichtungskrieg gegen sein eigenes Volk – vor den Augen der ganzen Welt. Nahezu ununterbrochen dokumentieren Zivilisten, Ärzte, Lehrer und Journalisten den Horror, dem sie täglich ausgesetzt sind. Ihre Bilder sind ins kollektive Gedächtnis eingegangen: die Helfer, die nach einem Bombenangriff mit Staub überzogene Leichen unter Häusertrümmern hervorziehen; die Überlebenden, mit aufgerissen Augen, den Mund zum Schrei geöffnet; die Kinder mit ihrem vor Entsetzen entrücktem Blick. Die Fotos und Videos offenbaren ein Leiden, das mit Worten kaum zu beschreiben ist. 

Putin führt die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft vor

Die Kriegsverbrechen, die Assad und sein russischer Verbündeter Putin begangen haben und noch immer begehen, sind zudem hinlänglich nachgewiesen. In Homs und Aleppo, in Douma und Ghouta und nun in Idlib: Überall haben sie ihre brutale Rückeroberung auf ähnliche Weise vorangetrieben. Erst ziehen sie einen Ring um das Oppositionsgebiet und schwächen oder töten die Menschen, die darin eingeschlossen sind; durch Hunger, Gasangriffe oder mangelnde medizinische Versorgung. Dann zerstören sie mit Luftangriffen die zivile Infrastruktur, also Wohn- und Krankenhäuser, Märkte und Straßen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner von jeder Hilfe abgeschnitten sind. Danach bombardieren sie in immer kürzeren Abständen Städte und Dörfer, parallel rücken ihre Soldaten am Boden vor.

Dieses Vorgehen ist auch den ausländischen Politikern, Diplomaten und Geheimdienstlern bekannt. Und doch ist in den vielen Jahren des Terrors kein einziger westlicher oder arabischer Staatsführer eingeschritten, trotz der vielen Sondersitzungen, die etwa die Vereinten Nationen immer wieder einberufen hatten. Vielmehr konnte Wladimir Putin mit seinen wiederholten Blockaden im UN-Sicherheitsrat die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft immer wieder vorführen. Erst vor wenigen Wochen hat die russische Regierung durch ihr Veto die Fortsetzung der internationalen humanitären Hilfe für Syrien verhindert.

Die Welt hat die Syrer ihrem Schicksal überlassen – und zwar bereits ab dem Moment, als Baschar al-Assad mit aller Gewalt gegen die Syrer vorging, die einst friedlich für eine demokratische Veränderung in ihrer Heimat demonstrierten. Viele von ihnen wurden danach verhaftet, gefoltert, getötet. Nun sind die Menschen erneut dem Tod ausgeliefert.

Syrien - Neue Kämpfe in der Region Idlib Die syrische Armee versucht derzeit, die von Rebellen und der Türkei kontrollierte Region Idlib einzunehmen. Durch die Kämpfe fliehen immer mehr Menschen Richtung Türkei. © Foto: Aref Tammawi / Getty Images

Im Westen herrscht ratlose Überforderung, wie immer

Das alles ist zutiefst beschämend. Beschämend ist auch, dass es nun ausgerechnet am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hängt, Assad und seinen Schutzmächten Widerstand entgegenzusetzen. Für Erdoğan birgt die Militäroffensive an seiner südlichen Landesgrenze ein großes Sicherheitsrisiko, noch mehr syrische Flüchtlinge kann er nicht gebrauchen. Wenn er nun Truppen nach Idlib verlegt, die Rebellen aufrüstet und Assad mit einer militärischen Reaktion droht, tut er das nicht aus humanitären Gründen, sondern zur Wahrung eigener Interessen. Eigentlich hätten Erdoğans Soldaten auf ihren Beobachterposten in Idlib die mit Putin vereinbarte Waffenruhe überwachen sollen – doch das war schon immer eine Farce. 

Statt die Menschen zu schützen, hat Erdoğan den Vormarsch der russischen und syrischen Truppen gewährt und sich im Gegenzug neue Einflusszonen gesichert – etwa im Nordosten von Syrien, wo Erdoğan seit Oktober gewaltsam versucht, Ortschaften einzunehmen, die unter kurdischer Kontrolle stehen und in denen er syrische Flüchtlinge ansiedeln will.

Und die Weltgemeinschaft? Auch in Erwartung der bevorstehenden Katastrophe in Idlib herrscht in den westlichen Staaten ratlose Überforderung, wie immer. Man gibt sich besorgt, fordert eine "echte Waffenruhe" und die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Als ob sich irgendwer in Syrien in den vergangenen neun Jahren je daran gehalten hätte. Und auch das wissen alle.