Nach UN-Angaben ist durch eine Militäroffensive im Nordwesten Syriens in den vergangenen Wochen mehr als eine halbe Million Menschen in die Flucht getrieben worden. Hintergrund ist ein Vormarsch der Streitkräfte des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in der Provinz Idlib. In der Region leben nach Schätzungen rund drei Millionen Menschen. Die jüngste Fluchtbewegung in der Winterzeit verschlechtere eine bereits "schreckliche" humanitäre Lage in der Region, heißt es seitens der UN.

Idlib ist nach fast neun Jahren Bürgerkrieg die letzte Stellung islamistischer Kämpfer in Syrien. Die Region wird von einer Miliz kontrolliert, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahesteht. Russland und der Iran als Unterstützer der syrischen Regierung sowie die Türkei als Unterstützer der Islamisten hatten Idlib 2017 zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. Die türkische Armee verfügt dort über zwölf Beobachtungsposten. Diese waren auf der Grundlage eines Abkommens zwischen Moskau und Ankara aufgebaut worden.

Zuletzt hatten die syrische Armee und Russland ihre Angriffe auf die Region verstärkt und größere Geländegewinne für sich verbucht. Sie setzten auch am Dienstag ihre Offensive in Richtung der Provinzhauptstadt Idlib weiter fort. Es habe schwere Luftangriffe und Artilleriebeschüsse in den Vororten von Idlib und rund um den wenige Kilometer entfernten Ort Sarakib gegeben, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Bereits am Vortag waren die Spannungen zwischen türkischem und syrischem Militär in der Provinz Idlib eskaliert. Nach offiziellen Angaben wurden sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs durch syrischen Beschuss getötet. Die Türkei startete darauf einen Vergeltungsangriff, bei dem mehrere syrische Soldaten ums Leben kamen.

UN-Generalsekretär fordert Ende der Kämpfe

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte, der Angriff auf die türkischen Soldaten sei ein Verstoß gegen mit Russland getroffene Vereinbarungen für die Region. Das werde "Folgen" für die syrische Regierung haben, sagte er. In einem Telefongespräch mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin warnte Erdoğan, der Angriff auf die türkischen Truppen sei ein schwerer Rückschlag für die "gemeinsamen Bemühungen, einen Frieden in Syrien durchzusetzen". Ankara werde es nicht zulassen, dass syrische Truppen weiter an Boden gewinnen.

US-Außenminister Mike Pompeo äußerte dagegen Verständnis für den türkischen Gegenangriff in Idlib. Bei dem Beschuss der türkischen Posten handle es sich um eine "schwerwiegende Eskalation", sagte Pompeo in Washington und fügte hinzu, die USA unterstützten voll und ganz die Vergeltungsaktionen der türkischen Truppen zu ihrer Selbstverteidigung.

UN-Generalsekretär António Guterres rief zu einem Ende der Kämpfe auf. Dass die türkische und syrische Armee sich gegenseitig bombardierten, sei "äußerst besorgniserregend", sagte Guterres. Der nun seit bald neun Jahren andauernde Konflikt lasse sich nicht militärisch, sondern nur politisch lösen.