Wenn im Winter Wahlkampfbusse durch den Mittleren Westen rollen und Politiker die US-amerikanische Landbevölkerung auf ihre Seite ziehen wollen – dann weiß die Öffentlichkeit: Die Bürger Iowas treffen sich zum Caucus. Alle vier Jahre beginnen die Vorwahlen für die Präsidentschaft im dünn besiedelten Agrarstaat im Landesinneren. Den Demokraten geht es nach dem vermutlich scheiternden Amtsenthebungsverfahren um die Frage, wer im November gegen Donald Trump antreten wird. So mancher Spitzenpolitiker musste in Iowa in den vergangenen Jahrzehnten seine Präsidentschaftsträume begraben, während andererseits junge Talente – wie einst zum Beispiel Barack Obama – hier ihren Siegeszug in Richtung des Weißen Hauses begannen. ZEIT ONLINE beantwortet Fragen zur ersten wegweisenden Entscheidung des Wahljahres.

Was ist ein Caucus?

Die meisten Bundesstaaten in den USA halten Vorwahlen ab, in denen die Wähler einen Stimmzettel für ihren Kandidaten einreichen. In Iowa ist das Verfahren komplizierter. Statt einer geheimen Abstimmung treffen sich die registrierten Wähler der Demokraten in 1681 Wahlbezirken am Montagabend zum Caucus. In Turnhallen, Bibliotheken und Gemeindezentren werden den Präsidentschaftsbewerbern verschiedene Bereiche zugewiesen, in denen sich deren Anhänger sammeln.

Anschließend zählen die Organisatoren des Caucus die Anhänger eines jeden Kandidaten in deren jeweiligen Ecke. Damit ist der Wahlabend allerdings nicht vorbei. Kandidaten mit weniger als 15 Prozent fliegen nach dieser ersten Zählung raus und erhalten keine Delegierten. In einigen kleineren Versammlungen mit wenigen Teilnehmern liegt die Schwelle für die weitere Teilnahme sogar noch höher.

US-Wahlkampf - Die erste Vorwahl im Präsidentschaftsrennen der USA Am Montagabend beginnt im kleinen US-Bundesstaat Iowa der Wahlkampf der Demokraten. Als Favoriten gelten Senator Bernie Sanders und der ehemalige Vizepräsident Joe Biden. © Foto: Reuters TV

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Wie geht es dann weiter?

Die Unterstützer der unterlegenen Kandidaten können sich in einer Art zweiten Wahlgang zu einem der Kandidaten stellen, die noch im Rennen sind. Auf diese Weise können Wähler in der ersten Runde auch eher unbekannte Kandidaten unterstützen, ohne dass ihre Stimme verloren geht, wenn diese es nicht über die 15-Prozent-Schwelle schaffen.

Vor der zweiten Auszählung beginnt der lauteste Teil des Caucus. Die Anhänger der noch verbleibenden Kandidaten umwerben die Unterstützer der unterlegenen Präsidentschaftsbewerber und versuchen diese auf die eigene Seite zu ziehen. So dürften die Anhänger von Joe Biden die Unterstützer von der ebenfalls moderaten Senatorin aus Minnesota, Amy Klobuchar, umwerben. Wer viele Unterstützer der unterlegenen Kandidaten um sich versammeln kann, verbessert sein Ergebnis deutlich. Und nur das Ergebnis der zweiten Abstimmung zählt bei der Verteilung der Delegiertenstimmen für die Präsidentschaftsnominierung.

Das Endergebnis jeder einzelnen Versammlung wird noch am Abend an die Landesführung der Demokraten in Iowas Hauptstadt Des Moines übermittelt. Diese errechnet dann, wie viele Delegiertenstimmen auf die einzelnen Kandidaten entfallen.

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Welche Vor- und Nachteile hat dieses System?

Der Caucus mag auf Bürger in Deutschland eher seltsam wirken. Statt in der Stille einer Wahlkabine abzustimmen, müssen die Teilnehmer sich vor den Augen ihrer Nachbarn zu ihren politischen Präferenzen bekennen. Zudem sind sie in ihrer Wahlentscheidung nicht unbeeinflusst. Es ist geradezu der Sinn des Caucus, auf die Wahlentscheidung der Mitbürger Einfluss zu nehmen. Wer charismatische Diskutanten ins Rennen schickt, kann möglicherweise seine Nachbarn und Freunde dazu überreden, zu seinem Kandidaten zu wechseln. 

Andererseits kann es auch durchaus belebend wirken, wenn Politik im öffentlichen Raum diskutiert wird. Die Teilnehmer des Caucus werden auf engem Raum mit verschiedenen politischen Programmen konfrontiert und sind dazu gezwungen, sich vor Ort mit ihnen auseinanderzusetzen.

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Wer kann sich Hoffnungen auf den Sieg machen?

Seit Joe Biden im April seine Kandidatur ankündigte, lag er bis zum Herbst in den Umfragen unangefochten vorn. Nach mehreren Führungswechseln hat in den vergangenen Wochen der linke US-Senator Bernie Sanders die Führung in den Wählerbefragungen übernommen. Im Umfragemittel der Statistikplattform Real Clear Politics führt er mit 23 Prozent vor Biden mit 19,3 Prozent. Der überzeugte Sozialist darf sich berechtigte Hoffnungen auf den Sieg machen. Dessen Konkurrentin um die Stimmen linker Wähler, die US-Senatorin Elizabeth Warren, liegt dagegen nach einem Umfragehoch im Herbst weit abgeschlagen bei 15,5 Prozent. Der gemäßigte ehemalige Bürgermeister von South Bend (Indiana) Pete Buttigieg, liegt bei 16,8 Prozent.

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Wie wird der Sieger überhaupt ermittelt?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Tatsächlich wird das Wahlkomitee der Demokraten am Montagabend drei verschiedene Ergebnisse bekanntgegeben: den Stimmenanteil der Kandidaten nach der ersten und zweiten Runde und die Delegiertenstimmen, die sich daraus ergeben. Wer die erste Runde gewinnt, ist der populärste Kandidat. Wenn allerdings die Anhänger ausgeschiedener Bewerber sich um andere Präsidentschaftsbewerber gruppieren, können diese am Ende dennoch mehr Delegierte gewinnen als der Sieger der ersten Runde. Sollte Sanders zum Beispiel nach der ersten Auszählung führen, könnte Joe Biden trotzdem mehr Stimmen erhalten, wenn die Anhänger der möglicherweise knapp ausgeschiedenen Mitte-Kandidaten Amy Klobuchar und Pete Buttigieg sich mehrheitlich vor der zweiten Auszählung Biden anschließen. Insofern kann es in Iowa mehrere Sieger geben.

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Lohnt sich der Aufwand?

Der Iowa Caucus steht nicht nur wegen des komplizierten Verfahrens seit Jahren in der Kritik. Der Bundesstaat ist mit knapp drei Millionen Einwohnern vergleichsweise dünn besiedelt und entsendet nur knapp ein Prozent der Delegierten zum Nominierungsparteitag. Dennoch hat Iowa mit seinem Votum im Wahljahr einen erheblich größeren Einfluss auf den Ausgang des Nominierungsprozesses, als seine Größe rechtfertigen würde. Außerdem spiegelt der Bundesstaat demografisch kaum die zunehmende ethnische Vielfalt im Land wider. Knapp 85 Prozent der Bevölkerung sind weiß, nur knapp vier Prozent sind schwarz und etwa sechs Prozent Latino. Im Bundesdurchschnitt machen Weiße dagegen nur knapp 60 Prozent der Einwohner aus, Afroamerikaner etwa 13 Prozent und Latinos knapp 18 Prozent. Vor allem die Verfechter ethnischer Vielfalt (Diversity) in der Bundespolitik klagen, dass den Interessen der weißen Landbevölkerung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werde.

Eine Abneigung der Wähler gegenüber dunkelhäutigen Kandidaten lässt sich in Iowa allerdings statistisch in der jüngeren Vergangenheit nicht belegen. Barack Obama gewann hier 2008 mit mehr als acht Prozentpunkten Vorsprung vor Hillary Clinton. Die beiden ausgeschiedenen dunkelhäutigen Kandidaten Kamala Harris und Cory Booker – die in Iowa kaum Wähler begeistern konnten – kamen zuletzt laut Umfragen auch in South Carolina nur in den unteren und mittleren einstelligen Prozentbereich – obwohl dort wesentlich mehr Afroamerikaner leben.

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Wie geht es nach dem Caucus weiter?

Nach der Entscheidung in Iowa werden vermutlich mehrere Kandidaten, die schlecht abgeschnitten haben, das Ende ihrer Kampagne bekannt geben. Wer die Favoriten für die Nominierung sind, wird nach Iowa klarer werden. Der Sieger des Caucus darf auf einen Aufmerksamkeitsschub für seinen Wahlkampf hoffen. Seit zwanzig Jahren hat jeder demokratische Vorwahlsieger in Iowa auch die Nominierung gewonnen.

Die nächste Vorwahl hält am kommenden Dienstag New Hampshire an der Nordostküste der USA ab. Hier führt Bernie Sanders laut Real Clear Politics sogar mit 26,3 Prozent ganze 9,5 Prozentpunkte vor Biden. Später im Februar folgen noch die Vorwahlen in Nevada und New Hampshire, bevor am 3. März gleich 14 Bundesstaaten sowie American Samoa und die Auslandsorganisation der Demokraten an einem Tag abstimmen – darunter der bevölkerungsreichste Bundesstaat Kalifornien. An diesem sogenannten Super Tuesday könnte bereits die Entscheidung fallen, wer im November für die Demokraten gegen Donald Trump antritt.

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