Die Stimmen der Parlamentswahl in der Republik Irland sind gezählt. Jetzt geht es um die Frage, wer die nächste Regierung stellt. Die Verhandlungen können lange dauern. Wie schon bei der vorigen Wahl, 2016, als die beiden stärksten Parteien, Fine Gael und Fianna Fáil, siebzig Tage brauchten, bis sie sich auf eine Minderheitsregierung von Fine Gael mit Unterstützung von Fianna Fáil einigten. Das Parlament wird nun erstmals am 20. Februar zusammentreten. Sollte es überhaupt keine Einigung geben, ist selbst eine Neuwahl nicht ausgeschlossen.

Und das Ergebnis ist komplizierter als je zuvor. Mit der Wahl von Sinn Féin zur zweitstärksten Partei hat sich das ehemalige Zweiparteiensystem über Nacht zum Dreiparteiensystem gewandelt. Das ist ganz und gar nicht, was der bisherige Regierungschef Leo Varadkar erhofft hatte. Der über die Brexit-Verhandlungen so bekannt gewordene Premier verliert sein Amt, so sehr er sich auch für die Interessen Irlands und der EU eingesetzt hatte. Den Wählern waren andere Dinge wichtig: Seit neun Jahren im Amt, hatte die Regierung aus ihrer Sicht zu wenig getan, um die Probleme zu Hause zu lösen, allen voran die Wohnungsnot und die Krise im Gesundheitswesen. Varadkar dagegen hatte seine Wahlkampagne weitgehend auf den Brexit ausgerichtet. Die Regierungspartei Fine Gael verlor deshalb viele Sitze, ist jetzt im Parlament, dem Dáil, nur noch mit fünfunddreißig Abgeordneten vertreten. Es ist mit 20,9 Prozent der Erststimmen das schlechteste Ergebnis der Partei in sechzig Jahren.

Stärkste Kraft wurde mit 38 Sitzen Fianna Fáil (22,2 Prozent der Erststimmen), doch auch sie musste sechs Sitze abgeben. Denn nachdem die Partei in der Regierung saß, steht sie aus Sicht der Wähler eben nicht glaubhaft für Veränderung und neue Ideen. So ist auch der Erfolg von Sinn Féin zu erklären, die mit 24,5 Prozent die meisten Erststimmen erhielt und nun mit siebenunddreißig Abgeordneten ins Parlament zieht – ein spektakuläres Ergebnis für eine Partei, die wegen ihrer früheren Affinität zur terroristischen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) jahrelang als unwählbar galt. Hätte sie das geahnt und mehr als nur zweiundvierzig Kandidaten für die neununddreißig Wahlkreise aufgestellt, wo jeweils bis zu fünf Kandidaten einen Sitz erreichen können, wäre sie heute vielleicht stärkste Partei im Parlament.

"Wandel in der Politik herbeiführen"

Praktisch seit Gründung der Republik Irland 1922 hatten Fine Gael und Fianna Fáil die Regierungen gestellt. Es ist das erste Mal, dass Bewegung in die Parteienlandschaft kommt, zumal die thematischen Unterschiede bislang nicht gravierend waren: Anders als in Deutschland grenzen sich die beiden großen Parteien nicht durch ihre politische und wirtschaftliche Ausrichtung ab: Fine Gael und Fianna Fáil sind beide konservativ-liberale Parteien der Mitte, standen im irischen Bürgerkrieg jedoch auf verschiedenen, verfeindeten Seiten. Fine Gael akzeptierte im Kampf um die Unabhängigkeit den Kompromiss mit den Briten, den Anglo-Irischen Vertrag. Fianna Fáil hingegen lehnte die Einigung ab. Dennoch entwickelte sie sich zur stärksten Partei des Landes und stellte seit den Dreißigerjahren mit Ausnahme von neunzehn Jahren immer die Regierung, auch zu Zeiten der Finanzkrise.

Doch was bedeutet das alles nun für die Regierungsbildung? Die vermeintlich simpelste Lösung, eine große Koalition von Fianna Fáil und Fine Gael, wird es aus unterschiedlichen Gründen kaum geben. Varadkar lehnt eine Regierung mit Fianna Fáil ab und deren Chef Micheál Martin betonte schon vor der Wahl, dass die Wähler Veränderungen wollten, die Regierungszeit von Fine Gael also beendet sei. Zudem sind Sinn Féin und die kleineren Parteien so stark, dass Fianna Fáil und Fine Gael keine eigene Mehrheit haben: Achtzig Sitze wären nötig, zusammen kommen sie auf dreiundsiebzig. Sie müssten also noch eine der Splitterparteien dazu holen, die daran kaum interessiert sein werden.

Und die wirkliche Siegerin der Wahl ist unbestritten die Vorsitzende von Sinn Féin, Mary Lou McDonald, die 2018 Gerry Adams abgelöst hatte. Sie gab der Partei ein neues Gesicht, ein neues Programm und ein neues Selbstverständnis. "Wir haben den Wählern gezeigt, dass wir das Instrument sind, mit dem sie den Wandel in der Politik herbeiführen können", sagte McDonald nach der Wahl. "Wir haben den Wählern gesagt, dass wir die Krise der Wohnungsnot angehen werden, den Gesundheitsdienst verbessern und dafür sorgen werden, dass normale Leute endlich mal etwas von der wirtschaftlichen Erholung erleben, von der sie immer so viel hören." Doch die großen Parteien, "das Establishment, Fine Gael und Fianna Fáil, haben es immer noch nicht begriffen". Es gehe nicht an, dass es immer noch Überlegungen gebe, Sinn Féin von einer Regierung abzuhalten: "Wir haben fast ein Viertel der Stimmen bekommen – es wäre schlicht undemokratisch und wird sich nicht aufrechterhalten lassen."