Emily Oriel begrüßt den arabischen Politiker herzlich. Vergangenen Sonntagabend in einer Bar im Süden von Tel Aviv: Draußen wärmen die Heizstrahler, klirren die Weingläser, steigt der Geruch von Cannabis in die Nase. Drinnen bauen Fernsehteams ihre Kameras auf, suchen Gäste nach den letzten Plätzen mit freiem Blick auf die Bühne. Oriel, 23, weiße Jeans, rotes Top, schaut auf die Uhr und dann zu dem älteren Mann im Anzug. "Yalla", sagt sie zu ihm. "Fangen wir an."

Am kommenden Montag finden in Israel die dritten Parlamentswahlen innerhalb eines Jahres statt, und Oriel gehört zu den wenigen, die sich darüber freuen. Die Philosophiestudentin organisiert Wahlkampfveranstaltungen der Vereinten Liste, die verschiedene arabisch-israelische und jüdisch-israelische Gruppen zusammenbringt. Bei den Wahlen im Herbst wurde sie drittstärkste Kraft nach Benjamin Netanjahus rechter Likud-Partei und Kachol Lavan, der eher in der Mitte stehenden Partei von Benny Gantz. Doch während Bibi und Benny nach zwei Durchgängen ohne klare Mehrheiten ihre Wählerinnen und Wähler kaum noch mobilisieren können und die meisten Israelis verzweifelt darüber sind, dass nun zum dritten Mal Neuwahlen anstehen, sprühen die Unterstützerinnen und Unterstützer der Vereinte Liste vor Energie. Ihre Zustimmungswerte steigen. Das Selbstbewusstsein auch.

Im Wahlkampf unterwegs

Wo die Vereinte Liste um Stimmen wirbt

In der Bar im Süden von Tel Aviv hat die Fragerunde mit Ahmad Tibi begonnen, dem arabischen Politiker der Vereinten Liste. Der Arzt und langjährige Abgeordnete der Knesset, dem israelischen Parlament, spricht über seine politischen Pläne. Er spricht Hebräisch mit arabischem Akzent. Emily Oriel sitzt auf einem der Sofas in der hinteren Ecke, hört zu und beobachtet die rund hundert Menschen im Publikum. "Mit Sicherheit kommt heute eine Frage zur LGBT-Community, das Thema ist unser soft spot", flüstert sie, da hebt neben ihr ein Mann mit Nasenpiercing und Strickpullover den Arm. Er wolle wissen, was die Vereinte Liste für die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten tun wolle, sagt der Mann. Ein Blick in sein Gesicht genügt, um zu verstehen: Tibis Antwort befriedigt ihn nicht.

Aber wählen werde ich die nicht. Am Ende des Tages bin ich Jude.
ein Mann in Tel Aviv

Es gibt ein großes Ziel, das die auf der Vereinten Liste vertretenen Gruppen eint: die Rechte der arabischen Minderheit zu stärken. Das ist ein Minimalkompromiss zwischen Parteien, die ansonsten kaum gemeinsame Werte haben. Zu den arabischen Mitgliedern der Vereinten Liste zählen beispielsweise die säkulare Ta'al, zu der Tibi gehört, die nationalistische Balad, die Israel nicht als jüdischen Staat anerkennen will, und die Ra'am, der politische Arm der islamistischen Bewegung. Mit der kommunistischen Chadasch macht zumindest eine Partei mit, die auch jüdische Anhängerinnen und Anhänger hat – Emily Oriel ist eine von ihnen. Sie kümmern sich um den Wahlkampf auf der jüdischen Seite. Mit Veranstaltungen wie der in der Bar wollen sie überzeugte Linke für sich gewinnen. Vor allem aber geht es ihnen um die unentschlossenen Wählerinnen und Wähler.

Als die Fragerunde zu Ende ist, nimmt sich der Mann mit dem Nasenpiercing und dem Strickpullover noch ein wenig Zeit. Tibis Aussagen hätten ihn nicht überzeugt, sagt er. Dennoch sei es grundsätzlich richtig, dass es die Vereinten Liste gebe und dass sich mehr Parteien für die arabische Minderheit einsetzten. "Aber wählen werde ich die nicht", sagt er und muss kurz überlegen, wie er das am besten erklärt. "Am Ende des Tages bin ich Jude. So gut ich ihr Anliegen finde, ich kann nicht für eine arabische Partei stimmen, das geht einfach nicht."

Stimmen der Solidarität

Etwa 50.000 Stimmen erhielt die Vereinte Liste bei der vergangenen Wahl von jüdischen Israelis. Es sind Stimmen der Solidarität – und Stimmen einer Minderheit. Für die meisten jüdischen Israelis ist die Vereinte Liste eine antizionistische, nicht wählbare Partei. In Zeiten, in denen Synagogen und jüdische Gemeinden in der Diaspora angegriffen werden, besinnen sich auch linke Israelis auf ihre Heimat, so sehr sie ansonsten mit ihren Widersprüchen hadern. "Zum Glück haben wir Israel", hörte man nach dem antisemitischen Anschlag in Halle und nach dem rassistischen Attentat von Hanau Menschen sagen, die keinerlei nationalistische Überzeugen haben, sondern einfach in Ruhe leben möchten.

Das Herz der Vereinten Liste schlägt im Norden des Landes, in den Hügeln zwischen Netanja und Tiberias. Mehr als 250.000 Araber leben in der Region, die man auch Dreieck nennt. Mit seinen Moscheen, Minaretten und arabischen Reklameschildern wirkt das Dreieck wie eine muslimische Enklave in dem jüdischen Staat. Am Donnerstag, fünf Tage vor der Wahl, hat für Ahmed Katasch hier die letzte heiße Phase des Wahlkampfs begonnen. Allein in Umm al-Fahm, einer der größten Städte im Dreieck, stehen für diesen Tag drei Termine an. Der 25-jährige Katasch muss dafür sorgen, dass sie halbwegs pünktlich beginnen.