Die chinesische Coronavirus-Krise hat ihren Helden, zugleich ihr tragischstes Todesopfer: Dr. Li Wenliang. Der junge Augenarzt hat bereits im Dezember Alarm geschlagen. In seiner Abteilung, schrieb er über WeChat an sieben Krankenhauskollegen in Wuhan, dem Epizentrum der Krise, in seiner Abteilung lägen auffällig viele Patienten mit Sars-ähnlichen Lungenbeschwerden. Der Polizei und dem Gesundheitsamt missfiel diese "Gerüchtemacherei", er wurde verhört und musste unterschreiben, dass er falsche Angaben gemacht habe; für den Fall, dass er sein "illegales Verhalten" nicht beende, wurde ihm ein Gerichtsverfahren angedroht.

Er ließ sich indes nicht mundtot machen, sondern ging mit seinen Erkenntnissen online. Doch der 34-Jährige hatte sich selbst mit dem Virus angesteckt. Am vorigen Freitag ist er gestorben.

Dr. Lis Tod löste im chinesischen Internet einen Sturm der Entrüstung aus. Das Hashtag "Dr. Li ist von uns gegangen" wurde auf Weibo, Chinas Twitter-Pendant, 670 Millionen Mal angeklickt, das Hashtag "Li von uns gegangen" 230 Millionen Mal; und die Botschaft "Die Wuhaner Regierung schuldet Li Wenliang eine Entschuldigung" wurde 180 Millionen Mal angesehen. Doch bekundeten die Net-Kommentatoren nicht nur Trauer, sie empörten sich auch über die verfassungswidrige Beschränkung der Meinungsfreiheit. Das Hashtag "Ich will Redefreiheit" fand 2,86 Millionen Likes. Alle wurden sie – wie auch eine Gedenk-Website für Dr. Li – von der Zensur rasch gelöscht.

Aber die Pekinger Führung sah sich gezwungen, eine Untersuchungskommission einzurichten, um den Volkszorn zu besänftigen und den politischen Virus unschädlich zu machen, der auch die Pekinger Führung ängstigt. Sie wird das Fehlverhalten der Zuständigen nicht ganz den Wuhanern in die Schuhe schieben können. Nicht von ungefähr hat Zhou Xianwang, der Bürgermeister der Elf-Millionen-Stadt, darauf hingewiesen, dass er die Genehmigung von ganz oben gebraucht hätte, um den Ausbruch der ansteckenden Krankheit öffentlich zu vermelden.

Am Montagabend, drei Tage nach Lis Tod, waren in Festland-China 40.171 Corona-Infizierte registriert, es gab 908 Todesfälle und über 3.000 Genesungen. In 24 anderen Ländern gab es um die 270 Infizierten. Noch lässt sich nicht erkennen, ob, wie schnell und wann die Epidemie abklingt. Daher lassen sich auch derzeit keine verlässlichen Aussagen über die wirtschaftlichen Auswirkungen, oder mögliche daraus entstehende politische Verwerfungen machen – in China und darüber hinaus.

Die chinesische Wirtschaft ist vorläufig lahmgelegt. In den Fabriken wird die Wiederaufnahme der Arbeit verschoben. Viele Unternehmer lassen ihre Angestellten zu Hause arbeiten, doch wie lange geht das? Wie lange können vor allem die kleineren Betriebe durchhalten? Büros und Läden sind weithin geschlossen. Der öffentliche Nahverkehr ist vielerorts zusammengebrochen, der Fernverkehr beeinträchtigt, der Tourismus so gut wie eingestellt. Zu Beginn des Jahres der Ratte verlängern Schulen und Universitäten die Neujahrsferien. Restaurants stehen leer; Starbucks hat über die Hälfte seiner 4.292 Cafés dicht gemacht. Auch die 11.000 Kinos des Landes haben zu. Metropolen mit zig-Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen sind drakonisch abgesperrt. 

Die Europäer sollten mal über Entkoppelung nachdenken

Das Wirtschaftswachstum wird im ersten Quartal schätzungsweise um zwei Prozentpunkte fallen. Bei einer baldigen Wende – so die Lehre aus der Sars-Krise 2002/03 – würde sich das Minus wohl bis zum Jahresende wettmachen lassen. Wenn sie aber noch länger ausbleibt? Dann würde es auch im Welthandel zu empfindlichen Lieferengpässen kommen. Dies würde die Schattenseite der Globalisierung drastisch sichtbar machen: die Verwundbarkeit unserer Nationalwirtschaften, da lebenswichtige Güter nur noch aus einem einzigen Land stammen. Trumps Amerikaner und Xi Jinpings Chinesen betreiben aus politischen Gründen ein decoupling ihrer Ökonomien.

Vielleicht sollten die Europäer beginnen, unter dem Aspekt der Verwundbarkeit durch überzogene Abhängigkeit ebenfalls über die Idee der Entkoppelung nachzudenken.

Im gesamten Westen wird jetzt darüber spekuliert, wie weit die Krise die Einmann-Herrschaft des Staatspräsidenten Xi Jinping untergraben könnte. "Wird am Ende das Coronavirus zum Entzündungsherd für das politische System Chinas?", lese ich in der Frankfurter Allgemeinen. Dort stand jedoch auch die Antwort Friederike Böges, der China-Korrespondentin des Blattes. Es wäre verfrüht, zu glauben, die Krise könne Xi etwas anhaben, schrieb sie: "Wenn sie überwunden ist, wird der Propagandaapparat Wege finden, ihn zu preisen." Kevin Rudd, der frühere australische Premier, heute Präsident des Asia Society Policy Institute in New York und einer der führenden Sinologen der westlichen Welt, stimmt ihr zu: "Eines ist sicher: Die Krise, wenn sie erst einmal gemeistert ist, wird Chinas Regierungssystem nicht verändern." Ich halte das für eine realistische Einschätzung.

Rudd mahnt uns jedoch auch, sich nicht über die Chinesen zu erheben, sondern für das schwer geplagte Volk auch einen Funken Sympathie aufzubringen. Xifan Yang, die China-Korrespondentin der ZEIT, warnt ebenfalls vor antichinesischer Hysterie und vor Ressentiments, die nur bewirken, dass die wohlfeile Kritik an Kaderversagen und dem rückständigen Gesundheitssystem bei vielen Chinesen einen "Trotznationalismus" auslöst, der dem Regime in die Hände spielt.

Xi Jinpings Technoautokratie hat genug Vollmachten, genug Geld und genug Entschlossenheit, die Krise zu meistern. Die Frage ist, ob wir in unserer Demokratie dieselbe Entschlossenheit, dieselbe Entscheidungsfähigkeit, dieselbe Finanzierungsbereitschaft aufbringen würden. Viel Stoff zum Nachdenken…