Syrien - Neue Kämpfe in der Region Idlib Die syrische Armee versucht derzeit, die von Rebellen und der Türkei kontrollierte Region Idlib einzunehmen. Durch die Kämpfe fliehen immer mehr Menschen Richtung Türkei. © Foto: Aref Tammawi / Getty Images

In Syrien könnte es zu einer offenen Konfrontation zwischen Russland und der Türkei kommen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan drohte den von Russland unterstützen syrischen Truppen, sie würden einen hohen Preis für Angriffe auf Soldaten seines Landes zahlen. Nach einer weiteren bewaffneten Auseinandersetzung zwischen türkischem und syrischem Militär sagte er, die Türkei habe es "dem Regime" in Idlib "ernsthaft gezeigt". Das werde so weitergehen. "Denn je mehr sie unsere Soldaten angreifen, umso höher wird der Preis, den sie bezahlen." Für eine Fraktionssitzung am Mittwoch kündigte Erdoğan an, die geplanten Schritte zu veröffentlichen.

Erst am Vortag waren durch syrischen Beschuss Angaben aus Ankara zufolge fünf türkische Soldaten getötet worden. Das türkische Militär setzte daraufhin nach eigenen Angaben mehr als hundert syrische Militärs "außer Gefecht". Das kann bedeuten, dass sie getötet oder verwundet wurden.

Es war bereits das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass türkische Soldaten durch syrischen Beschuss getötet wurden. Am vorvergangenen Montag waren nach Angaben aus Ankara sieben Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter der türkischen Streitkräfte getötet worden. Erdoğan hatte dem Regime in Damaskus danach ein Ultimatum gestellt: Die syrische Armee müsse sich bis Ende Februar von den türkischen Beobachtungsposten in Idlib zurückziehen, sonst werde die Türkei die Sache selbst in die Hand nehmen.

"Wir erwarten vom Regime, unter keinen Umständen gegen diese Militärposten vorzugehen", sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar in Richtung der syrischen Regierung. Die türkischen Einheiten hätten den Befehl erhalten, im Falle eines Angriffs sofort zurückzuschlagen. Die Räumung der zwölf Beobachterposten in dem umkämpften Gebiet in Idlib lehnt das Ministerium konsequent ab.

Die Regierung in Moskau forderte, alle Angriffe auf russische und syrische Kräfte in der Region Idlib müssten eingestellt werden. Das syrische Militär teilte mit, man werde auf türkische Angriffe antworten. Die russische Nachrichtenagentur Tass berichtete, Russlands Präsident Wladimir Putin wolle noch am Dienstag mit Erdoğan telefonieren. Die UN warnten angesichts der Kämpfe vor weiteren Flüchtlingen im Nordwesten Syriens.

Zwischenzeitlich teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zudem mit, dass in Idlib ein Hubschrauber der syrischen Regierungstruppen abgeschossen worden sei. Der Helikopter sei in der Nähe des Dorfes Kaminas südöstlich der Stadt Idlib abgestürzt. Er sei von einer türkischen Rakete getroffen worden, erklärte die Beobachtungsstelle, deren Angaben von unabhängiger Seite aber kaum zu überprüfen sind. Die beiden Piloten seien ums Leben gekommen.

Das türkische Verteidigungsministerium sprach lediglich von einem "Absturz". Es äußerte sich aber nicht zur Ursache und übernahm auch keine Verantwortung.

UN-Flüchtlingshilfe warnt vor humanitärer Katastrophe

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet in Syrien, wo seit fast neun Jahren ein Bürgerkrieg herrscht. Die Region wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert. Die Türkei unterstützt in dem Konflikt islamistische Milizen.

Mit Russland, das Syrien unterstützt, hatte Ankara sich eigentlich auf eine Deeskalationszone in Idlib geeinigt und dort ursprünglich zwölf Beobachtungsposten eingerichtet. Mittlerweile sollen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge weitere türkische Posten hinzugekommen sein. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu kündigte ein weiteres Telefonat zwischen Erdoğan und Putin an.

Vor den syrischen und russischen Angriffen sind Hunderttausende Menschen auf der Flucht. In den vergangenen zehn Wochen wurden mehr Menschen vertrieben als jemals zuvor. "Das ist die am rasantesten wachsende Vertreibung, die wir je in diesem Land gesehen haben", sagte Jens Laerke von der UN-Hilfsorganisation Ocha. Seit Anfang Dezember 2019 seien rund 700.000 Menschen innerhalb oder aus den Konfliktgebieten Idlib und Aleppo geflohen. Sollten die Kämpfe dort andauern, könnten weitere 280.000 Menschen folgen.

Offensive gegen Idlib

Auf ein Ende der Kämpfe deutet derzeit nichts hin. Syriens Regierungstruppen haben in den vergangenen Tagen ihren Vormarsch fortgesetzt und erneut einen wichtigen strategischen Erfolg erzielt. Sie eroberten nahe von Aleppo Teile der Schnellstraße M5. Damit brachten sie die zentrale syrische Verkehrsachse wieder vollständig unter Kontrolle, das erste Mal seit fast acht Jahren. Die Route verbindet die Hauptstadt Damaskus und Aleppo, die zwei wichtigsten Städte Syriens. Sie gilt als eine der Hauptversorgungsadern in dem Bürgerkriegsland.

Teile der M5 gehörten bislang zu der letzten großen Region um die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens, die noch von islamistischen Rebellen gehalten wird. Deren Gebiet wird jedoch immer kleiner. Die Regierungstruppen hatten bereits in den vergangenen Tagen große Geländegewinne im Kampf um die Region Idlib gemeldet. Diese wird von der Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) dominiert, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe steht.