Immer weiter rücken die Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad in der Provinz Idlib vor. Gestützt wird Assads gewaltsamer Vormarsch von seinen russischen und iranischen Verbündeten. Russland bombardiert dabei gezielt die zivile Infrastruktur, darunter auch immer wieder Krankenhäuser. Sameeh Qaddour arbeitet als Anästhesist in einem Krankenhaus in Aqrabat. Die Ortschaft liegt 40 Kilometer nördlich von Idlib Stadt und direkt an der türkischen Grenze. Wir haben über die internationale Hilfsorganisation Crisis Action den Kontakt zu Qaddour erhalten und mit ihm per WhatsApp gesprochen.  

Für mich sind diese Tage gerade die schlimmsten seit 2012, seit dem Beginn unserer Revolution. Es sind so viele Menschen auf der Flucht, wir sehen hier eine unbeschreiblich große Zahl an Vertriebenen. Sie drängen sich auf engstem Raum. Und es gibt so viele Verletzte durch die anhaltenden Bombardierungen.

Die Angst bestimmt alles. Wir wissen nicht, was morgen passieren wird. Wenn das Regime noch weiter vordringt, müssen wir alle fliehen. 

Unser Krankenhaus wurde bisher noch nicht bombardiert, vielleicht weil es nur einen Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt liegt. Es ist spezialisiert auf Orthopädie und Wiederherstellungschirurgie. Im Moment arbeiten hier drei Ärzte, zwei Orthopäden und ich als Anästhesist. Viele unserer Patienten sind durch die Kämpfe verwundet worden. Wir behandeln sie, so gut wir können.

Seit Januar haben wir keinen Nachschub an medizinischer Ausstattung mehr erhalten. Wir bekommen auch kein Gehalt mehr. Die Hilfsorganisation, die uns bis dahin unterstützt hatte, hat ihre Lieferungen und Zahlungen eingestellt. Wir arbeiten nun als Freiwillige und nur mit dem, was noch übrig ist. Manchmal müssen wir Patienten bitten, anderswo nach Medikamenten zu fragen, weil wir sie nicht mehr vorrätig haben.

Der Ort ist voller geflüchteter Familien. Sie sind aus dem Umland von Aleppo und dem Süden von Idlib hierher vertrieben worden. Es sind viele Notlager errichtet worden. In manchen Zelten leben drei oder vier Familien zusammen. Nicht alle haben ein Zelt bekommen, viele Familien müssen im Freien bleiben. Da das Regime immer mehr Gebiete einnimmt, kommen immer mehr Vertriebene an. Bald wird es für sie keinen Platz mehr geben. Viele Menschen denken, dass dieses Gebiet sicherer sei als der Rest von Idlib, weil wir so nah an der Grenze sind. Bisher ist es so, aber wie lange noch?

Wir alle verfolgen sehr genau die Nachrichten. Vor allem beobachten wir, wo genau die Truppen von Assad weiter vorrücken. Minute um Minute, Stunde um Stunde leben wir in der Angst, dass das Regime näherkommt. Wohin sollen wir denn noch gehen? Das hier ist das letzte Gebiet, das Assad noch einnehmen kann.    

Syrien - Neue Kämpfe in der Region Idlib Die syrische Armee versucht derzeit, die von Rebellen und der Türkei kontrollierte Region Idlib einzunehmen. Durch die Kämpfe fliehen immer mehr Menschen Richtung Türkei. © Foto: Aref Tammawi / Getty Images

Wenn das Regime in unser Gebiet kommt, wird es uns entweder sofort umbringen, oder uns verhaften und foltern. Wir wissen, wozu das Regime fähig ist. Assad will uns nicht in Syrien haben. Er möchte lieber loyale Unterstützer ansiedeln. Assad sieht uns alle als Terroristen an, selbst Frauen und Kinder, auch wenn wir mit den Islamisten nie etwas zu tun hatten. Er betrachtet uns als Verräter, weil wir unter der Kontrolle der Rebellen gelebt haben. Deswegen sollen wir alle sterben.

Trotz dieser Katastrophe tut die internationale Gemeinschaft sehr wenig. Die Beteiligung der Russen an diesem Krieg hat die ohnehin schwierige Lage noch komplizierter gemacht. Da die Amerikaner sich nicht um Idlib kümmern, können die Russen hier alles kontrollieren. Im Moment schickt der türkische Präsident Erdoğan Soldaten nach Idlib. Vielleicht wird die Türkei gegen Assad intervenieren. Aber auch das würde keine politische Lösung für uns Syrer bedeuten.