Die Nato hat die die jüngsten gegenseitigen Militärschläge zwischen der Türkei und Syrien verurteilt und die Konfliktpartner zum Gewaltverzicht aufgerufen. "Die Alliierten verurteilen die fortgesetzten rücksichtslosen Luftangriffe des syrischen Regimes und Russlands auf die Provinz Idlib", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg nach einem kurzfristig einberufenen Treffen der Nato-Botschafter. Der Norweger rief Syrien und das mit ihm verbündete Russland dazu auf, ihre Militäraktionen zu beenden, internationales Recht zu achten und die Bemühungen der Vereinten Nationen für eine friedliche Lösung zu unterstützen. "Diese gefährliche Situation muss deeskaliert werden." 

In Brüssel war der Nordatlantikrat der Nato zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen. Das Gremium tagte auf Antrag der Türkei. Thema war die militärische Eskalation um die Stadt Idlib in Nordsyrien. Sie wird von Rebellen gehalten, die gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen. Der aus allen 29 Nato-Botschaftern bestehende Rat ist das wichtigste Entscheidungsgremium des Verteidigungsbündnisses.

In der jüngsten Eskalation waren am Donnerstag bei Idlib 33 türkische Soldaten durch einen Angriff ums Leben gekommen. Dadurch verstärken sich die Spannungen zwischen Russland und der Türkei. Die Lage ist kompliziert: Für den Angriff machte die Türkei das von russischem Militär unterstützte Syrien verantwortlich. Der Angriff aus Syrien galt bisherigen Informationen türkischen Stellungen, Syriens Regierung äußerte sich bisher nicht. Russland teilte mit, die angegriffenen türkischen Soldaten seien innerhalb "terroristischer Kampfformationen" im Einsatz gewesen. Das Verteidigungsministerium erwähnte namentlich die al-Kaida-nahe islamistische Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) – ein Gegner Syriens.

Die Türkei wies umgehend zurück, dass ihre Soldaten in der Nähe von Islamisten waren. Russland erweckte den Eindruck, die türkischen Opfer wären vermeidbar gewesen, wenn die Regierung in Ankara besser informiert hätte: Die türkische Seite habe die Präsenz ihrer Truppen in den betreffenden Gebieten nicht mitgeteilt, hieß es aus Moskau. Diese "hätten sich nicht dort aufhalten dürfen".  

Deeskalationszone angestrebt

Die Türkei hatte auf den Beschuss aus Syrien mit einem Vergeltungsangriff reagiert. Dadurch starben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 16 Tote auf syrischer Seite.  

Kremlchef Wladimir Putin und Präsident Recep Tayyip Erdoğan äußerten sich in einem Telefonat besorgt über die Lage. Wie der Kreml mitteilte, ging es in dem Gespräch darum, wie die Vereinbarung für die angestrebte Deeskalationszone um Idlib umgesetzt werden könne. Dazu sollten die Außen- und die Verteidigungsminister ihre Kontakte verstärken.

Der Kreml teilte mit, dass Putin und Erdoğan ein baldiges Treffen auf höchster Ebene vereinbart hätten. Details waren zunächst nicht bekannt. Nach Angaben des russischen Außenministers Sergej Lawrow sollten noch an diesem Freitag die Verhandlungen von Türken und Russen für einen Ausweg aus der Lage fortgesetzt werden. 

Migranten auf dem Weg Richtung EU-Grenze

Nach der Ankündigung eines türkischen Regierungsvertreters, die Grenzen zur EU für Flüchtlinge aus Idlib zu öffnen, sammelten sich an der türkischen Grenze zu Griechenland Migranten, die in das EU-Land wollten. Die Nachrichtenagentur DHA meldete, etwa 300 Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran, dem Irak, Marokko und Pakistan seien an der Landgrenze zusammengekommen und andere an den Stränden in der Nähe griechischer Inseln. Der Sender NTV zeigte mehrere Menschen, die mit Rucksäcken, Koffern und Plastiktüten über Felder in Richtung der griechischen Grenze liefen. 

Etwa einen Kilometer vor dem Grenzübergang Pazarkule stoppte die türkische Polizei etwa 150 Flüchtlinge. Aus der griechischen Polizei verlautete, Dutzende Personen hätten sich an der Grenze versammelt und gerufen: "Öffnet die Grenzen." Griechenland setzt an der EU-Außengrenze Polizei und Militär für gemeinsame Patrouillen ein, um illegale Grenzübertritte zu verhindern.

Flüchtlingspakt einhalten

In der Türkei leben etwa 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Sie vereinbarte 2016 mit der EU, Flüchtlinge verstärkt davon abzuhalten, nach Europa zu kommen. Präsident Erdogan hat wiederholt gedroht, den Menschen die Grenzen zu Europa zu öffnen, also aus dem Flüchtlingspakt auszusteigen. Die Nachrichtenagentur AFP zitiert einen ranghohen türkischernRegierungsvertreter, die Türkei werde ihre Grenzen für Flüchtlinge, "die nach Europa wollen", nicht länger schließen. Berichte, die Türkei habe die Grenze bereits geöffnet, wies die Regierung zurück.

Die EU forderte die Türkei angesichts der Drohung mit einer Öffnung der Grenze für syrische Flüchtlinge Richtung EU dazu auf, ihre Verpflichtungen aus dem EU-Türkei-Flüchtlingspakt einzuhalten. Die Regierung habe bisher nicht formell über eine veränderte Flüchtlingspolitik informiert, sagte ein Sprecher der EU-Kommission.