Gerecht ist Politik selten, und selbst messbar und kalkulierbar ist Politik nur bedingt – trotz all der Umfragen, Berechnungen und der vielen, vielen Experten. Viele von ihnen hatten den Absturz des Favoriten Joe Biden im Vorwahlkampf der Demokraten lange vorhergesagt: So leblos waren seine Veranstaltungen, so zahllos Bidens Versprecher.

Aber der Absturz kam nicht.     

Joe Biden aus Delaware, 77 Jahre alt, von 1973 bis 2009 Senator und von 2009 bis 2016 Barack Obamas Vizepräsident, deshalb der bekannteste der demokratischen Trump-Herausforderer, führte im vergangenen Sommer deutlich in allen landesweiten Umfragen. Im Herbst führte er noch ein bisschen deutlicher, und er hielt seine Führung sogar über Weihnachten und im neuen Jahr. Moderate Gegnerinnen und Gegner wie Kamala Harris und Cory Booker, politisch nicht weit von Biden entfernt, fanden keinen Raum zur Entfaltung, kein Geld für ihre Kampagnen und stiegen aus. Und Biden fiel und fiel nicht.

Bis er doch fiel. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet in diesen Februartagen, in denen nun endlich gewählt wird.    

Joe Biden ist der Verlierer des chaotischen Caucus von Iowa, wo er nur Vierter wurde. Er strich anschließend Termine in New Hampshire, wo an diesem Dienstag gewählt wird, und ging mit seinem Wahlkampfteam in Klausur. Danach wollte er kämpferischer auftreten, aggressiver werden. Und doch sagte er in der Fernsehdebatte in Manchester in New Hampshire: "Vermutlich werden wir hier einen weiteren Schlag hinnehmen müssen." Gleich zu Beginn sagte er diesen seltsamen Satz. Es war der einzige Biden-Satz, der hängen blieb: defensiv, zweifellos. Oder schon resignativ?    

Ist Kritik an Obama gleich Gotteslästerung?

In der Demokratischen Partei gibt es dieses Gerede schon länger: Biden, so heißt es, könne nach einem schwachen Abschneiden in New Hampshire schnell vor dem Aus stehen – dann nämlich, wenn die Spender sich abwenden und ihm das Geld ausgeht. Und vor allem dann, wenn die schwarzen Wählerinnen und Wähler, die am 29. Februar in South Carolina und anschließend am sogenannten Super Tuesday am 3. März in Staaten wie Alabama einsteigen, Zweifel an Biden bekommen. Und nun fährt der Mann zwar wieder eifrig durch den verschneiten, hügeligen Staat der 1,3 Millionen Menschen im Nordosten der USA

Aber es lässt sich nicht anders sagen: Joe Biden ist nicht gut. 

Am Samstag, während eines Auftritts in Manchester, wollte Biden vom Nuklearabkommen mit dem Iran reden und konnte sich leider nicht erinnern, wie es heißt. Dann schüttelte er die Spitze seines Teams durch: Er holte Anita Dunn hinzu, die für Obama im Weißen Haus arbeitete – aber die alte Führung ließ er im Amt. Nun ist unklar, wer eigentlich was macht. Dann stand er mit Reportern zusammen und stritt mit ihnen über Pete Buttigieg, den 38-jährigen Aufsteiger und mutmaßlichen Sieger von Iowa. Dieser Buttigieg, sagte Biden, kritisiere ständig die Obama-Ära. Fast gekränkt wiederholte er das, als unterstelle er Buttigieg damit Gotteslästerung. Und überhaupt, Buttigieg habe sich als Bürgermeister in South Bend in Indiana um Gehsteige und Straßenlaternen gekümmert – während er, Biden, in der Weltpolitik gelenkt und gehandelt habe.