Ausgerechnet in Iowa findet heute der mit großer Spannung erwartete erste Vorwahltest der Demokratischen Partei statt. Ausgerechnet in Iowa sollen die Wähler und Wählerinnen der Demokraten zum ersten Mal darüber abstimmen, wen von ihren vielen Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen sie im Herbst in das Rennen gegen den Republikaner Donald Trump schicken wollen.
So gut wie alles an Iowa und an diesem Test ist anachronistisch. Hier wird die Präferenz nicht mit einem Stimmzettel oder einem Computerklick abgegeben, sondern antiquiert per Handzeichen. Um 19 Uhr Ortszeit versammeln sich heute Abend Iowas Demokraten in insgesamt 1.683 Wahllokalen, in Schulen, Büchereien, Kirchen und Privathäusern, und zeigen öffentlich, für wen ihr Herz schlägt.
Meist scharen sie sich dabei um das Namensschild ihres Favoriten oder ihrer Favoritin – und anschließend wird ausgezählt. Präsidentschaftsbewerber oder -bewerberinnen, die nicht mindestens 15 Prozent der anwesenden Stimmberechtigten auf sich vereint haben, fliegen nach der ersten Runde raus. Ihre Anhänger müssen sich entweder für einen anderen Kandidaten oder eine andere Kandidatin entscheiden – oder nach Hause gehen.
Kaum ein Bundesstaat ist so untypisch wie Iowa
Dieses Verfahren nennen die Amerikaner Caucus. Es hat eine lange Tradition, wird aber im Zeitalter von 5G und künstlicher Intelligenz außer in Iowa nur noch in den Bundesstaaten Nevada, Wyoming und North Dakota praktiziert.
Noch widersinniger aber ist: Kaum ein anderer Bundesstaat ist untypischer als Iowa für die sich demografisch rasant wandelnden USA. Und: Kaum ein anderer Staat ist untypischer für die heutige Wählerschaft der Demokratischen Partei.
Amerikas Bevölkerung wird immer bunter und großstädtischer. Amerika zählt inzwischen etwa 340 Millionen Einwohner, Metropolen wie Los Angeles, San Francisco, Seattle, Chicago, Boston, New York, Washington, Atlanta, Miami und Houston (um nur einige zu nennen) sind wirtschaftliche Magneten und platzen aus allen Nähten. Die ländlichen Regionen verlieren hingegen Attraktivität – und Menschen.
In 20 bis 25 Jahren, sagen die Demoskopen, werden Amerikas Minderheiten,
also Hispanics, Schwarze, Asiaten, Ureinwohner und so weiter, zusammen
die Mehrheit stellen, auch die Mehrheit der Wähler und Wählerinnen. Im
weitgehend ländlichen Iowa hingegen, knapp halb so groß wie Deutschland,
leben gerade einmal rund drei Millionen Menschen. Es gibt weit und
breit keine Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnern, 90 Prozent der
Bevölkerung sind nach wie vor weiß, Nachfahren europäischer Immigranten.
Im amerikanischen Sprachgebrauch werden sie nicht hispanische Weiße genannt.
Demografischer Wandel ging an Iowa vorbei
Dieser demografische Wandel, der an Iowa weitgehend vorbeigegangen ist, hat auch Amerikas Demokraten erfasst, erheblich mehr als die Republikaner. Barack Obama wurde sowohl 2008 als auch bei seiner Wiederwahl 2012 zwar von weniger als 40 Prozent der weißen Wähler gewählt (die nach wie vor die Mehrheit stellen), aber von rund 70 Prozent der Hispanics und Asiaten und von über 90 Prozent der schwarzen Wähler. Die Minderheiten haben den Verlust an weißen Stimmen mehr als wettgemacht. Gestimmt hatten für Obama auch überdurchschnittlich viele junge Wähler und Menschen mit einer Universitätsausbildung.
Und trotzdem schauen alle weiterhin gebannt auf die Vorwahlen in Iowa. Und nirgendwo verbringen die Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen im Verhältnis mehr Zeit und geben sie mehr Geld aus.
Das liegt zum einen daran, dass dieser kleine Staat im Mittleren Westen traditionsgemäß seit Jahrzehnten die erste Vorwahl abhält und dass alle Bewerber und Bewerberinnen darauf hoffen, dass ihnen ein Sieg in Iowa den nötigen Rückenwind für Erfolge in anderen Bundesstaaten verleiht.
Trugschlüsse aus dem Ergebnis in Iowa
Zum anderen meinen manche Auguren immer noch, dass sich aus dem Ergebnis in Iowa wichtige Erkenntnisse für den weiteren Verlauf der Vorwahlen ziehen lassen. So lautete die verbreitete Einschätzung nach Obamas Sieg in Iowa bei den Vorwahlen 2008: Weil er hier vor seiner Konkurrentin Hillary Clinton als Erster durchs Ziel ging, hätten die schwarzen Wähler ihre anfängliche Skepsis aufgegeben und sich bei den folgenden Vorwahlen nicht um Clinton, sondern um ihn geschart.
Das aber stimmte nicht. Spätere Wahlanalysen ergaben, dass die meisten Afroamerikaner von Anfang an entschlossen waren, Obama ihre Stimme zu geben. Der Sieg Obamas in Iowa hat allenfalls schon zu einem frühen Zeitpunkt gezeigt, dass der schwarze Präsidentschaftskandidat auch für weiße Amerikaner wählbar war, selbst für jene auf dem Land. Und dass Obama und seine politischen Botschaften längst nicht so radikal wirkten, wie die Republikaner glauben machen wollten.
In dieser Hinsicht kann auch die heutige Vorwahl in Iowa interessant sein. Was finden die demokratischen Wähler dort wichtiger und womöglich erfolgreicher? Einen betagten Traditionalisten wie Joe Biden, der, getragen von einigen Umfragen, behauptet, er sei der Einzige, der Trump aus dem Weißen Haus jagen könne?
Oder ebenso betagte Revolutionäre (jedenfalls im amerikanischen Maßstab) wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren, die weitreichende Veränderungen der sozialen Sicherungssysteme und der Gesundheitsversorgung versprechen? Oder einen Jungspund wie den 38-jährigen Pete Buttigieg, einen Demokraten der Mitte, der von sich sagt, er stehe für die Visionen der nächsten Generationen?
Die anachronistischen Hoffnungsträger
Bei Licht betrachtet ist aber nicht nur Iowa, sondern wirkt auch die aktuelle Riege demokratischer Hoffnungsträger reichlich anachronistisch. Mangels ausreichender Unterstützung haben bereits ein schwarzer Bewerber und eine schwarze Bewerberin sowie der einzige Kandidat mit lateinamerikanischen Wurzeln aufgegeben.
In den Meinungsfragen unter Demokraten, die an den Vorwahlen teilnehmen, liegen zudem die weißen Kandidaten und Kandidatinnen vorn, die bereits auf die 70 Jahre zugehen oder diese – wie Donald Trump – weit überschritten haben.
Die Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika sieht anders aus.
Kommentare
ottonis
#1 — vor 1 TagDie Abstimmung per Handzeichen als "widersinnig" zu bezeichnen ist - widersinnig. Nur weil etwas neu ist, heisst nicht, dass zwingend auch besser ist.
Die Stör- und Manipulationsanfälligkeit irgendwelcher Wahlautomaten wäre ein Beispiel dafür.
Smarterthanyou
#1.1 — vor 1 TagMan sollte den Artikel vielleicht auch erstmal lesen... Hauptsache erster/zweiter Kommentar.
yamato0815
#2 — vor 1 Tag"...sowie der einzige Kandidat mit lateinamerikanischen Wurzeln aufgegeben. "
Ein großes Problem für die Dems. M.E. hätte nur ein/e konservative Latina/o Chancen Trump zu schlagen.
Die Hispanics sind inzwischen eine der wichtigsten Wählergruppen aber in ihrer Mehrheit eher Konservativ eingestellt. Diese zu gewinnen und gleichzeitig die "alten" Wähler wieder zur Wahlurne zu bringen wäre eine Chance zum Sieg.
Die Trump und Rep Wähler werden wieder in großer Zahl wählen gehen, weil ihnen (egal ob zu Recht oder zu Unrecht) die jetzigen möglichen Dem-Kandidaten eher Angst machen.
Danke für dieses Geräusch
#2.1 — vor 1 TagIch finde es fundamental gruselig, dass dieses "Spiel" gespielt wird.
Wir entfernen uns von einem Grundprinzip, das ich mal "universelle Repräsentanz" nennen möchte. Nach diesem Grundprinzip kann mich gerne eine junge homosexuelle Transperson mit Migrationshintergrund vertreten, wenn sie meine politischen Einstellungen teilt. Und Vertreter meiner "Gruppe" (mittelalter weißer Mann) können das nicht, wenn sie völlig andere Einstellungen haben.
Dass man nicht müde wird, äußerliche Unterschiede in den Vordergrund zu stellen, führt uns völlig vom Ziel weg, das Martin Luther King mal formuliert hat. Im übertragenen Sinne: beurteilt die Leute nach ihrem Charakter, der sich im Reden und Handeln ausdrückt. Und nicht nach Hautfarbe (oder Geschlecht).
Eine Stimme aus dem Osten
#3 — vor 1 Tag„ …betagte Revolutionäre (jedenfalls im amerikanischen Maßstab) wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren,…“ Biden kein Revolutionär, aber im Politbüroalter!
Zelgadiss
#3.1 — vor 1 TagAus amerikanischer Sicht ist der geradezu linksradikal. Aus europäischer Sicht ein klassischer Sozi, in.der Mitte der Partei. Aber aus unserer Sicht ist Ted Cruz schon zumindestens fast Nazi - für Amerikaner nur konservativ.
Einfacher Bürger
#4 — vor 1 Tag"Die Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika sieht anders aus."
Ja, die Zukunft sieht aus wie AOC, für die Sanders den Weg bereitet.
dorfbeobachter
#4.1 — vor 1 TagMeinten Sie AOK?