Der Abend hatte eigentlich vielversprechend begonnen für Lucas Figueroa. In einer Turnhalle in West Des Moines hatten es der 23-Jährige und seine Mitstreiter beim Iowa Caucus geschafft, viele der Abstimmungsteilnehmer auf die Seite ihres Kandidaten zu ziehen – und so zwei Landesdelegierte für Bernie Sanders zu erringen. Nur der bisherige Lokalpolitiker Pete Buttigieg schnitt in Figueroas Wahlbezirk besser ab als der linke Senator aus Vermont. Auf der Wahlparty in einem Hotel in Flughafennähe wollte der Student nach einem anstrengenden Tag dann eigentlich den Sieg seines Kandidaten feiern. "Ich habe meinen Job gemacht, bin müde und freue mich darauf, Bernie zu sehen", sagte er.

Doch als Sanders dann um 22.40 Uhr unter tosendem Applaus auf die Bühne tritt, gibt es nichts zu feiern. Denn die Ergebnisse der ersten Vorwahl zur Präsidentschaftswahl werden an diesem Abend nicht bekannt gegeben. Es habe "Ungereimtheiten" bei der Auszählung gegeben, teilen die Demokraten mit. Eine App, mit der die mehr als 1.600 Wahlbezirke ihre Ergebnisse einsenden sollten, hat offenbar nur fehlerhaft funktioniert und auch andere Übermittlungsversuche haben Probleme verursacht. Viel mehr weiß man an diesem Abend nicht. Sanders peitscht die Menge trotzdem an. Er werde alle Studienschulden erlassen, ruft Sanders. Und die Wall Street werde dafür zahlen. Figueroa jubelt und hält ein blaues "Bernie"-Schild hoch.

Nach den letzten Umfragen hatte Sanders mit einem Sieg rechnen können. Doch daraus wird an diesem Abend nichts. Frühestens an diesem Dienstag werden die Ergebnisse bekannt gegeben, teilt der Landesverband der Demokraten mit. Für Bernie Sanders ist das ein Rückschlag. In den vergangenen Wochen hatte er sich – unterstützt von 1,4 Millionen Kleinspendern und einer Vielzahl engagierter Freiwilliger – in den Umfragen nach vorn gekämpft. Der Sieg in Iowa hätte seiner Kampagne den letzten Schub geben können, um sich auch in anderen Bundesstaaten an die Spitze zu schieben. Die Auszählungspanne der Demokraten dürfte ihn und seine Anhänger nun besonders wurmen. Sollte er tatsächlich gewonnen haben, wird er das Ergebnis nicht im Kreise seiner Wahlhelfer und mit der ungeteilten Aufmerksamkeit der US-Öffentlichkeit feiern können. Der mediale Knalleffekt bleibt ihm also versagt – selbst wenn er gewonnen haben sollte.

Joe Biden bleibt eine Blamage vorerst erspart

Doch andere Kampagnen profitieren. Vor allem die von Joe Biden. Die Anhänger, die sich zu dessen Wahlkampfparty versammelt hatten, waren laut CNN sichtlich nervös. Eine Kampagnenhelferin erzählte dem TV-Sender, dass Biden in ihrem Wahlbezirk nicht einmal die 15 Prozent Stimmenanteil erreicht habe, die nötig sind, um überhaupt Delegierte zu erhalten. Im Umfragemittel der Statistikplattform Real Clear Politics lag Biden zuletzt 3,7 Prozentpunkte hinter Sanders. Ein unbefriedigendes Ergebnis für einen Kandidaten, der sich doch rühmt, Donald Trump am ehesten schlagen zu können.

Bereits vor der Abstimmung hatte Biden deshalb in Interviews die Bedeutung Iowas für seine Kampagne heruntergespielt. Dennoch verschickte er, kurz nachdem die Panne mitgeteilt wurde, einen offenen Brief an den Landesverband der Demokraten. Darin beschwerte er sich über die Auszählungsprobleme und verlangte, dass es den Kampagnen ermöglicht werden müsse, sich zu äußern, "bevor die offiziellen Ergebnisse bekannt gegeben werden". Damit hält Biden sich schon jetzt eine Tür offen, die Ergebnisse anzuzweifeln – sollten sie nicht zu seinen Gunsten ausfallen.

Die Auszählungsprobleme könnten ihm so eine Blamage erspart haben. Etwaige Diskussionen in der Wahlnacht über die Zukunft seiner Kampagne sind vorerst abgewendet. Zudem könnten die Ergebnisse nun im schlimmsten Fall erst bekannt gegeben und diskutiert werden, wenn wieder das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump das Nachrichtengeschehen dominiert. Denn niemand weiß, ob das Wahlkomitee tatsächlich an diesem Dienstag die Zahlen präsentiert. Am Mittwoch stimmt der Senat über die Amtsenthebung des Präsidenten ab, was die Berichterstattung dominieren dürfte. Die Ergebnisse des Caucus könnten so nach einem Jahr intensiven Wahlkampfs in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Raum einnehmen.

Iowa - Panne bei erster Vorwahl der US-Demokraten Nach der ersten Abstimmung der US-Vorwahlen haben die Demokraten Probleme bei der Auszählung. Die Veröffentlichung der Ergebnisse verzögert sich wohl um mehrere Stunden. © Foto: Andrew Harnik/dpa

"Schlampigste Vollkatastrophe der Geschichte"

Auch Trump selbst kann sich über die Panne freuen. Noch am Wahlabend machte sich das Weiße Haus über die Auszählungspanne lustig und schrieb in einer Mitteilung von "der schlampigsten Vollkatastrophe der Geschichte". Weiter hieß es: "Sind das die Leute, die unser gesamtes Gesundheitssystem organisieren wollen?" Und so ist die Demokratische Partei an diesem Abend der große Verlierer. Großspurig tönen Kandidaten und die Partei seit Monaten, dass sie Donald Trump schlagen wollen. Doch offenkundig gelingt es den Gegnern des Präsidenten nicht einmal, eine seit Monaten erwartete Abstimmung fehlerfrei zu organisieren. Die Diskussion darüber, warum Iowa überhaupt die erste Vorwahl abhalten sollte, dürften ebenfalls wieder aufkommen.

Die Ungewissheit des Abends könnte auch Pete Buttigieg helfen. "Iowa, du hast die Nation geschockt. Denn nach allen Anzeichen fahren wir siegreich nach New Hampshire", rief der ehemalige Bürgermeister von South Bend, Indiana, seinen Anhängern zu und implizierte, dass er die Wahl gewonnen habe.

Bernie Sanders ist an diesem Abend zurückhaltender. "Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir hier sehr gut abschneiden werden in Iowa", ruft der Linkspolitiker. Doch nachdem er die Bühne verlassen hat, werden die Gäste seiner Wahlkampfparty müde. In den Ecken der Veranstaltungshalle setzen sich zahlreiche Besucher auf den Boden. Moderatorin Nina Turner versucht die Menge bei Laune zu halten. Doch irgendwann werden die Jubelrufe leiser und die Halle leerer. Um kurz nach Mitternacht endet die Veranstaltung. Lucas Figueroa macht sich bei minus zwei Grad Außentemperatur auf den Heimweg. Ein wenig enttäuscht wirkt er schon, dass es an diesem Abend nichts zu feiern gibt. Doch entmutigt ist er nicht: "Der Schwung dieser Kampagne wird nicht enden – egal, wann das Ergebnis feststeht."