So ernst kannte man den britischen Premier bislang nicht. Als Boris Johnson den Briten am Donnerstag die Strategie der Regierung zum Umgang mit dem Coronavirus erklärte, war er wie verwandelt, keine Spur mehr von seinen sonst so typischen Witzeleien. Flankiert von dem wissenschaftlichen Chefberater der Regierung und ehemaligen Chef der Forschung von GlaxoSmithKline, Patrick Vallance, und dem medizinischen Berater der Regierung, Professor Chris Whitty, erklärte Johnson die brutale Wirklichkeit der Sars-CoV-2-Epidemie.

"Das ist hier keine normale Grippe, das ist in dieser Generation die schlimmste Gesundheitskrise, die wir erleben", warnte Johnson. Die Epidemie werde Großbritannien mit voller Wucht treffen. Das Land hinke nur etwa vier Wochen hinter Italien hinterher. Dass sich ein Großteil der Bevölkerung mit dem Virus infizieren werde, sei nicht mehr zu verhindern. "Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass noch viel mehr Familien geliebte Angehörige vorzeitig verlieren werden", warnte Johnson sichtlich betroffen.

Der Höhepunkt der Epidemie werde in Großbritannien in etwa 12 bis 16 Wochen eintreten, also im Mai bis Juni. "Es ist jetzt nicht mehr möglich, zu verhindern, dass sich fast jeder mit der Krankheit anstecken wird", sagte Vallance. "Das ist auch gar nicht das, was man will. Schließlich soll die Bevölkerung Immunität gegen das Virus aufbauen." Der Wissenschaftler sagte, dass die Masse der Krankheitsfälle relativ mild sei, ein Teil der Erkrankungen jedoch schwer verlaufe und auch tödlich ende. 

Die Epidemie hinauszögern

Bis Freitagnachmittag hat man in Großbritannien 798 nachweislich Infizierte gezählt – 24 Stunden zuvor waren es noch 590. Zehn Patienten sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden gestorben. Vallance sagte am Donnerstag, die Dunkelziffer der Infizierten liege im Land schätzungsweise zwischen 5.000 und 10.000 Personen mit stark steigender Tendenz. Wenn sich die Epidemie in den nächsten Wochen entfalten werde, sei mit einer drastisch steigenden Zahl der Krankheitsfälle zu rechnen.

Anders als China will die britische Regierung die britische Bevölkerung bewusst an dem Virus erkranken lassen, damit sie langfristig Immunität gegen das neue Virus aufbaut. Werde die Bevölkerung nur einige Wochen zu Hause eingesperrt, sei nichts gewonnen, meinte Vallance. Im Gegenteil: Sobald die Quarantäne aufgehoben sei, breche das Virus wieder aus. Die Epidemie müsse so gesteuert werden, dass die Bevölkerung durch die Krankheit geschleust werden könne, ohne dass das Gesundheitssystem zusammenbreche. Die härtesten Aufforderungen an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben, kämen auf dem Höhepunkt der Epidemie und nicht jetzt.

Daher die Strategie der britischen Regierung: Die Epidemie soll zunächst hinausgezögert werden, damit Kapazitäten im Gesundheitssystem aufgebaut werden können und der Höhepunkt der Epidemie in den Frühsommer fällt, wenn das Gesundheitssystem durch die im Winter auftretende hohe Zahl von herkömmlichen Grippeerkrankungen weniger belastet ist.

Gleichzeitig soll der Verlauf der Epidemie gestreckt werden, sodass das Gesundheitssystem mit der jeweiligen Menge an ernsten Krankheitsfällen fertig werden kann. Die Regierung bestätigte, was auch schon Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt hatte: Im Zweifel können bis zu 80 Prozent der Bevölkerung erkranken. Dabei sei die Ansteckungsgefahr in den paar Tagen nach Ausbruch der ersten, leichten Symptome am höchsten. 

Johnson erklärte, dass es sinnlos sei, wenn die Bevölkerung zu früh in Quarantäne geschickt werde, nur um nach wenigen Wochen so frustriert zu sein, dass sich immer weniger Personen an die Selbstisolierung hielten und genau dann wieder auf die Straße gingen, wenn der Höhepunkt der Epidemie erreicht sei. Die britische Regierung will daher stufenweise härtere Maßnahmen verkünden. Um die Welle der Infektion zu verzögern, soll erst mal ab sofort jede Person, die Husten und/oder Fieber bekommt, sieben Tage zu Hause bleiben, nicht zum Arzt gehen und nicht den ohnehin überlasteten Notdienst anrufen.