Die Covid-19-Epidemie in China scheint erst mal eingedämmt. Doch wie will die Regierung den Wirtschaftseinbruch abfangen? Wie steht es um die Glaubwürdigkeit des Regimes? Wie funktioniert der Herrschaftsapparat und warum hat er nach dem Virusausbruch versagt? Diese Fragen und mehr beantwortet Sebastian Heilmann, Professor an der Uni Trier und ehemals Direktor des Berliner Thinktanks Merics.

ZEIT ONLINE: Chinas Regierung hebt die Quarantäne von Wuhan und Hubei jetzt schrittweise auf und seit einer Woche erklärt die Führung in Peking, im Inland gebe es keine Neuinfektionen mehr. Die kämen nur noch von aus dem Ausland Eingereisten. Keine neuen Sars-CoV-2-Fälle mehr in China, nachdem seit Januar über 80.000 Infektionen offiziell bestätigt wurden – kann das sein?

Sebastian Heilmann: Es ist ein Beschluss des Politbüros, dass die Epidemie vorbei ist. Das Virus ist natürlich nicht fort, aber es darf jetzt keine negativen Meldungen mehr geben. Wir haben Nachweise dafür, dass die Eindämmung der Epidemie gelungen ist. Es gibt aber inoffizielle Informationen, dass es in Südwestchina noch Fälle gibt, die Covid-19-verdächtig sind. Das Risiko einer neuen Infektionswelle bleibt für China daher konkret. Das, was wir jetzt erleben, ist vor allem eine politische Vorgehensweise. Alle unangenehmen Informationen werden weggedrückt, und der Propagandaapparat formuliert die wichtigste Erzählung am Ende selbst: dass die Epidemie dank der Systemüberlegenheit Chinas besiegt worden ist.

ZEIT ONLINE: Ein wesentlicher Grund dafür, die Einschränkungen in Gesellschaft und Wirtschaft aufzuheben, ist die schlechte Konjunktur. Durch den Lockdown ist Chinas Wirtschaft im ersten Quartal eingebrochen. Wie will die Führung in Peking die Wirtschaftskrise in den Griff bekommen? Europa und die USA fallen wegen des Virus für China als wichtigste Märkte ja erst einmal aus.

Heilmann: Chinas Wirtschaft ist nach dem, was wir aus verschiedenen Quellen zusammenrechnen können, wieder bei etwa 80 Prozent ihrer Leistung. Es herrscht in China aber eine regelrechte Aufholwut. Die große Unbekannte ist jetzt die Nachfrage. Wir haben einen globalen Einbruch, der betrifft Chinas Exporte und Lieferketten und ist kaum wettzumachen. Auch die Inlandsnachfrage ist unsicher: Kaufen die Leute wieder in dem Ausmaß Autos oder 5G-Handys wie vor der Krise erwartet? Peking wird jetzt mit seinen Staatsbanken Unternehmen retten müssen, vor allem im Privatsektor, wo die Liquidität sehr eng ist und mit minimalen Margen gearbeitet wird. Viele kleine und mittlere Unternehmen stehen auf der Kippe.

ZEIT ONLINE: Wird China wieder so viel Geld dafür ausgeben wie 2009 bei der Finanzkrise?

Heilmann: Bis jetzt ist die chinesische Regierung zurückhaltend – in auffälligem Gegensatz zu den USA und zu den großen europäischen Volkswirtschaften, die mit Stützungsprogrammen regelrecht geflutet werden. China hatte 2009 ein riesiges Stimulusprogramm von 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufgelegt, das auch weltweit die Nachfrage stark beförderte, in China aber für gravierende Verzerrungen im Investitionsverhalten sorgte. Vergleichbare Programme sind in China bislang nicht zu erkennen. Auch auswärtige Projekte wie die Neuen Seidenstraßen werden in den kommenden Jahren wohl mit deutlich weniger Mitteln auskommen müssen.

ZEIT ONLINE: Wird China also zukünftig weniger im Ausland investieren?

Heilmann: Nicht unbedingt. Wir müssen damit rechnen, dass chinesische Investoren gezielte Avancen machen gegenüber Unternehmen und Branchen, die ihnen bislang verschlossen waren. Krisenbedingt wären die Preise für Beteiligungen und Übernahmen in Europa günstig. Ich kann mir vorstellen, dass zahlreiche Mittelständler in Deutschland, denen der Wirtschaftseinbruch zusetzt, durchaus verkaufswillig sind. Das wird in den nächsten Wochen voraussichtlich ein immer größeres Thema werden.

ZEIT ONLINE: Parteichef Xi Jinping verschickt jetzt Solidaritätsadressen an andere Länder, Staat und Unternehmen spenden und verkaufen medizinische Hilfsmaterialien ins betroffene Ausland, auch nach Europa, beispielsweise ins schwer geplagte Italien. Man kann den Verdacht haben, dass das nicht ganz uneigennützig ist, dass Peking nicht nur seine geopolitische Position gegenüber der Regierung in Washington verbessern will, sondern auch um Goodwill bemüht ist, damit möglichst viele Staaten Europas sich beispielsweise dafür entscheiden, den latent spionageverdächtigen 5G-Netzwerkausrüster Huawei zu engagieren. Zu Recht?