Die Lage auf Lesbos ist schon ohne das Coronavirus dramatisch. Inzwischen ist der erste Fall auf der griechischen Insel bestätigt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis eine Infektion im  Flüchtlingslager Moria nachgewiesen wird. Was bedeutet das für die Menschen dort, die ohnehin schlecht versorgt sind und dicht beieinander leben? Ein Arzt und ein Rechtsanwalt berichten:

George Makris, Allgemeinmediziner

... war in der Kinderklinik von Moria tätig und koordiniert derzeit die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland.

"Am 9. März haben die Behörden hier auf der Insel den ersten Corona-Fall bestätigt, eine griechische Frau. Sie war offenbar nicht in Kontakt mit Lagerbewohnern, und bislang haben wir zum Glück noch keine weiteren bestätigten Fälle. Aber natürlich sehen wir, wie überall auf der Welt die Zahl der Infizierten steigt, und natürlich wissen wir: Das Virus zu kontrollieren, wenn es in einem Lager wie Moria einmal ausgebrochen ist, ist im Grunde unmöglich. Wir beklagen ja schon seit Jahren die schlimmen hygienischen Bedingungen in Moria, aber das Virus macht nun alles noch schlimmer. In einem Teil des Lagers, in dem wir einen Überblick über die Zahlen haben, kommen auf eine Toilette 167 Menschen, auf eine Dusche 242. Das ist fünf-, beziehungsweise achtmal so viel, wie die empfohlenen Minimalstandards vorschreiben.

Die Menschen, die im Lager leben, wissen ganz genau, was ihnen droht. Sie verfolgen die Nachrichten, genau wie die Griechen, genau wie alle anderen – und wie alle anderen haben sie Angst. Wir versuchen jetzt, sie aufzuklären. Aber kaum einen unserer Hygieneratschläge können die Menschen wirklich umsetzen. Es gibt nicht genug Seife, geschweige denn Desinfektionsmittel. Wir verteilen Hygienesets, aber es sind nicht genug. Was es jetzt braucht, ist eine Evakuierung des Lagers. Die Menschen müssen an einen Ort gebracht werden, an dem sie diese Ratschläge befolgen können. Auch weil sonst der endgültige Zusammenbruch der medizinischen Versorgung auf der Insel droht.

Wir von Ärzte ohne Grenzen betreiben vor dem Lager eine Kinderklinik mit drei Ärzten, dazu kommen noch ein paar wenige andere NGOs, außerdem die offiziellen Ärzte, die von den griechischen Behörden ins Lager geschickt werden, das sind zwei pro Schicht. Auf Lesbos gibt es darüber hinaus ein reguläres Krankenhaus. Nicht winzig klein, aber auch kein Krankenhaus mit Maximalversorgung, es gibt nur eine Handvoll Intensivbetten. Sollte es zu einem Ausbruch des Coronavirus in Moria kommen, wären wir in sehr geringem Umfang in der Lage, Patienten mit milden Krankheitsverläufen zu versorgen und zu isolieren. Sollte es schwere Fälle geben, und damit müssen wir rechnen, also Patienten, die ins Krankenhaus oder sogar auf die Intensivstation müssen, haben wir ein Problem. Ich kann gar nicht ermessen, was uns dann drohen könnte.

"Wir dürfen die Menschen im Lager jetzt nicht sich selbst überlassen"

Für Menschen, die sich mit dem Coronavirus infizieren, gibt es zwei wichtige Risikofaktoren: ein hohes Alter und schwere Vorerkrankungen. Alte Menschen haben wir hier kaum. Aber die Zahl der Vorerkrankten ist hoch. Wir kämpfen hier ja schon seit Jahren gegen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, die sich eigentlich vermeiden ließen: Masern, Meningitis, Krätze, Bronchitis. Jetzt kommt das Coronavirus noch oben drauf.

Die vorerkrankten Menschen müssen jetzt dringend und zuallererst evakuiert werden. Schlussendlich müssen alle hier raus. Wir können bei der jetzigen Versorgungslage und unter den gegeben hygienischen Bedingungen nicht ausschließen, dass auch jüngere Patienten mit schweren Verläufen rechnen müssen. Und selbst wenn sich hier im Lager nur ein geringer Prozentsatz infizieren sollte: Wir haben allein in Moria mehr als 20.000 Menschen. Wenn nur ein Prozent der Menschen ernsthaft behandelt werden müsste, wären das immer noch  noch so viele, dass die ohnehin katastrophale Versorgung auf der Insel komplett zusammenbräche. Wir dürfen das nicht riskieren. Und wir dürfen die Menschen im Lager jetzt nicht sich selbst überlassen.

In den vergangenen Wochen haben viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die Insel verlassen. Aus Angst, sich anzustecken – und weil sie sich bedroht fühlen, es gab mehrmals gezielte Angriffe gegen Helfer. Wir müssen jetzt weiterhelfen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass das Virus nun auch noch benutzt wird, um die Menschen zu stigmatisieren. Es verbreiten sich schon die ersten Gerüchte, die Migranten und Flüchtlinge hätten Corona nach Europa eingeschleppt. Das ist völliger Quatsch, aber ich fürchte, dass solche Gerüchte nun dazu benutzt werden, das Recht dieser Menschen, Schutz zu suchen, einfach auszuhebeln. Die Menschen in Moria sind durch das Virus besonders gefährdet. Sie brauchen unsere Hilfe. Und dieselben Präventivmaßnahmen, dieselben Behandlungsmöglichkeiten wie wir."