Wie die meisten Franzosen hat Hamza Esmili gerade viel Zeit, um aus dem Fenster zu sehen. Aus seinem Wohnblock im Vorort La Plaine Saint-Denis beobachtet er das Treiben unten auf der Straße. Er stellt fest: An die allgemeine Ausgangssperre, die Frankreichs Regierung vor einer Woche über ihre Bevölkerung verhängt hat, scheinen sich viele Menschen nicht zu halten. "Es ist schon weniger los als sonst, aber immer noch wirklich geschäftig", sagt Esmili. Der Stadtsoziologe, der eigentlich an einer Pariser Universität unterrichtet, liefert die Erklärung gleich mit: "Die Ausgangssperre ist eine bourgeoise Vorstellung. Sie impliziert eine bürgerliche Wohnung, in die man sich zurückziehen kann. Diese Vorstellung ist hier komplett falsch."

Wer in Frankreich momentan ohne eine Bescheinigung und einen triftigen Grund die Wohnung verlässt, muss 135 Euro Strafe zahlen. Viele wohlhabende Städter sind deswegen aus den Großstädten in ihre Ferienhäuser oder Zweitwohnsitze auf dem Land geflohen, wo sich der Hausarrest besser aushalten lässt. In Esmilis Heimat Seine Saint-Denis kann sich das kaum jemand leisten. In dem Departement, das nördlich an Paris grenzt, leben mehr als anderthalb Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen. Die Wohnblocksiedlungen, die sich hinter dem Stade de France an der Pariser Stadtgrenze bis zum Horizont auftürmen, bilden eine Kulisse, die viele Deutsche nur aus Rapvideos und Brennpunkt-Kinofilmen kennen: ein buntes Wirrwarr aus Ethnien und Nationen inmitten von Beton. Vielschichtig, aber aus den Medien vor allem für zwei Dinge bekannt: Armut und Delinquenz.

Es liegt wohl auch an diesem Umstand, dass die Anti-Corona-Maßnahmen hier nur schlecht zu greifen scheinen. In sozialen Medien finden sich viele Posts von Anwohnern, die sich beschweren, dass die öffentlichen Plätze noch voller Menschen seien. Vergangenen Freitag wurde außerdem bekannt, dass zehn Prozent aller landesweiten Verstöße gegen die Ausgangssperre in Seine Saint Denis aufgetreten sind. 

Die Angst vor Ausschreitungen wächst

Hamza Esmili sagt, er habe eine schöne Wohnung, in der es sich aushalten lässt. Sein Wohnhaus sei jedoch extrem heruntergekommen und verdreckt. Viele seiner Nachbarn verdingen sich als Tagelöhner auf dem Bau und leben in Unterkünften, die ein Zusammenleben unter Ausgangssperre gar nicht zulassen. Oft würden sich mehrere die Betten teilen, erklärt Esmili. Die einen würden tagsüber arbeiten und nachts schlafen, die anderen hielten es andersherum: "Da, wo jemand schläft, ist nicht unbedingt seine Wohnung." Eine solche hätten viele Menschen in seinem Viertel nämlich gar nicht. Wie bitte schön sollen sie dann den Anweisungen der Regierung Folge leisten und zu Hause bleiben?

Der Soziologe sagt, es ärgere ihn, dass die französische Öffentlichkeit dieses Problem seiner Meinung nach durch eine rassistische Brille betrachtet. Die oft armen Bewohner der Vorstädte – viele von ihnen mit Migrationshintergrund – würden als undiszipliniert dargestellt. Als sähen sie nicht ein, dass es einer nationalen Kraftanstrengung bedarf, um das Virus einzuhegen. Tatsächlich berichtet die Presse bereits von vermeintlich Halbstarken, die entgegen der Regeln vor ihren Wohnblocks sitzen, Joints rauchen oder Polizisten anpöbeln. Gleichzeitig räumt der Soziologe, der sich seit einigen Jahren mit den Mechanismen in den Pariser Vororten beschäftigt, jedoch ein: "Die Menschen haben hier nicht dieselbe Beziehung zum Staat. Es ist nicht verwunderlich, dass sie die Anweisungen nicht akzeptieren."