Die Flughafenfeuerwehr schoss Wasserfontänen auf die weiße Boeing 747, die am vergangenen Freitag auf dem Flughafen des belgischen Lüttich landete. Sodann wurden eine halbe Million Atemschutzmasken, ungezählte Ballen Schutzkleidung und Testkits für das Coronavirus entladen, die auf mehrere europäische Länder verteilt wurden. In den darauffolgenden Tagen kamen weitere Maschinen mit dringend benötigten Hilfsgütern. Eine Spende der Alibaba-Stiftung sowie der Jack-Ma-Stiftung.

Am Mittwoch dann landeten 300 chinesische Ärzte in Italien, dem zurzeit am schlimmsten von der Covid-19-Pandemie betroffenen Land. An Bord befand sich auch Sun Shuopeng, der Vizepräsident des chinesischen Roten Kreuzes. Am darauffolgenden Donnerstag sagte er Medienberichten zufolge auf einer Pressekonferenz: "Hier in Mailand, dem am meisten von Covid-19 betroffenen Gebiet, sind die Lockdown-Maßnahmen sehr lax. Ich sehe, dass der Öffentliche Personennahverkehr immer noch in Betrieb ist, die Leute gehen umher, treffen sich in Hotels und tragen keine Masken. Ich weiß nicht, was die Leute hier sich denken."

Solche Kritik ist freilich keine typische Botschaft aus China in diesen Tagen. Meistenteils sind salbungsvolle Worte zu hören. Chinas KP-Chef und Staatspräsident Xi Jingping munterte beispielsweise den spanischen Premier Pedro Sanchez mit der hoffnungsvollen Bemerkung auf, "nach dem Sturm kommt Sonnenschein". Nicht ohne hinzuzufügen, nach der Pandemie sollte man über intensivere Zusammenarbeit nachdenken.

In einem Telefongespräch mit Italiens Premierminister Giuseppe Conte sprach Xi von einer "Seidenstraße der Gesundheit" als Bestandteil von Chinas "One Belt, One Road"-Initiative. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Hilfe für notleidende Europäer auch einen geopolitischen Aspekt hat (wodurch sie natürlich nicht weniger wertvoll wird). Die chinesische Seidenstraßen-Initiative wird in Europa überwiegend kritisch betrachtet, als Expansionismus und als Methode, die teilnehmenden Länder in die Schuldenabhängigkeit von China zu treiben. Das Bild soll sich nun aufhellen und vergessen machen, dass die Corona-Krise mit Chinas Untätigkeit und Verschleierungstaktik begonnen hatte.

Dass China gegenwärtig die Massenproduktion von Schutzmasken in ungeahnte Höhen treibt, um das Material weltweit zur Verfügung zu stellen, spiegelt sich prominent in der Propaganda wider. "Trump kann ohne chinesische Fabriken sein Maskenversprechen nicht halten", tönen die Websites des Regimes. Es wird sogar gestreut, dass das Virus aus den USA komme – eine verblüffend plumpe Antwort auf die Versuche des amerikanischen Präsidenten, mit Formulierungen wie "chinesisches Virus" die Gesundheitskatastrophe für nationalistische Zwecke zu instrumentalisieren.

Ansonsten aber gibt sich China als freundliche Großmacht voller Humanität. Und das kommt an. Etwa beim alten Verbündeten Serbien, dessen Präsident Aleksandar Vučić mit folgender Aussage zitiert wird: "Die europäische Solidarität gibt es nicht. Sie ist ein Ammenmärchen. Wir setzen unsere Hoffnung in das einzige Land, das in der Lage ist, uns in dieser schwierigen Situation zu helfen: die Volksrepublik China."

Da trifft er einen empfindlichen Punkt. Hatte Deutschland nicht zunächst den Export von Atemschutzmasken nach Italien verboten, und ist es nicht so, dass wenige Kilometer vom notleidenden Elsass entfernt deutsche Intensivstationen freie Kapazitäten haben? Und was ist aus Amerika geworden, dem Land der Carepakete und Rosinenbomber?

China will diese Rolle übernehmen. Wiedererstarkt, mit allen ebenbürtig in der Welt. Das ist der "chinesische Traum von der großen nationalen Renaissance", die Losung Xi Jinpings. Seit Jahrtausenden wird in China für Herrschaftsperioden eine solche Losung ausgegeben, die der jeweiligen Ära ihren Namen geben soll. Der Begriff der chinesischen Renaissance hat hundertjährige Tradition, nun aber soll es unter der Führung der KP Chinas so weit sein. Die Corona-Krise schien diesen Kurs zu Anfang schwer zu erschüttern – jetzt aber kehrt Peking die Energie dieser Erschütterung um und will sie für den eigenen Aufstieg nutzen.