Hallo, Vereinte Nationen? Irgendjemand da?

Nein. So gut wie keiner mehr. Auch die UN in New York haben sich in Selbst-Isolation begeben. Der Saal des Sicherheitsrats ist leer, offizielle Beratungen und Hinterzimmer-Verhandlungen sind bis auf Weiteres abgesagt. Erste Mitgliedsstaaten haben ihre Vertretungen geschlossen, bei anderen ist nur noch Notpersonal anwesend. UN-Generalsekretär António Guterres hält die Stellung im Büro und kommuniziert per Videokonferenz.

Die Abteilung für Peacekeeping-Einsätze hat die Rotation von Blauhelm-Truppen auf unbestimmte Zeit eingestellt, die Generalversammlung ihre Sitzungen. Das Welternährungsprogramm (WFP) und das Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) suchen unterdessen nach Wegen, trotz Einreisestopps und des kollabierenden Flugverkehrs Mitarbeiterinnen und Hilfsgüter zu transportieren.

Aber die Website der UN wird weiter täglich aktualisiert – und sie hilft, einen derzeit weit verbreiteten Sehfehler zu korrigieren: Das Coronavirus ist nicht die einzige Krise in diesen Tagen – und, was die unmittelbare Bedrohung für Menschen betrifft, bei Weitem nicht die schlimmste. Doch aufgrund seiner Dynamik gefährdet das Virus das jetzt schon überstrapazierte internationale Netzwerk humanitärer Hilfe. Zum einen aufgrund seiner Ansteckungswucht, zum anderen, weil es nach China den globalen Norden erwischt hat. Dort befinden sich immer noch die traditionellen Geberländer für humanitäre Krisen. Die setzen jetzt Himmel, Hölle und Geldquellen in Bewegung – aber vor allem, um ihre eigenen Ökonomien vor dem Fallout der Pandemie zu schützen. Guterres ahnt, was da auf die ohnehin gebeutelte Weltorganisation zukommen könnte. Die "Hierarchie der Not", die jetzt so lobenswert heftig in Deutschland diskutiert wird, ist global noch viel steiler. Guterres hat seine Stellvertreterin Amina Mohammed beauftragt, Szenarien zusammenzutragen über die Folgen des Virus für die globale Ungleichheit. Nicht nur die unmittelbaren. Auch die, die man erst in den nächsten Jahren spüren wird.

Wie geht Social Distancing in überfüllten Slums?

Was die meisten Menschen im globalen Norden jetzt zum ersten Mal und in relativ milder Form erfahren, gehört für viele im globalen Süden zum Alltag: das Jonglieren multipler, existenzieller Krisen. Extreme soziale Gräben, massive Auswirkungen des Klimawandels, prekäre Jobs, rasante und planlose Urbanisierung, immer noch hohe Raten von Kindersterblichkeit und Mangelernährung, medizinische Versorgung als Luxusgut nur für die Reichen. Das ist in sehr groben Zügen die Ausgangslage in jenem Teil der Welt, der nun – nach China und dem globalen Norden – als nächstes eine massive Ausbreitung des Coronavirus erwartet.

All die Präventionsmaßnahmen, die uns inzwischen so vertraut sind, klingen dort oft absurd. Social Distancing in einem Armenviertel in Manila, wo sechs oder acht Menschen in einem Raum leben? Ständiges Händewaschen in den Favelas von Rio, wo es kaum sauberes Wasser gibt? Drive-in-Corona-Tests in den Slums von Nairobi oder in den umkämpften Provinzen im Jemen?

Noch etwas kommt hinzu: In 30 der bislang rund 100 von Corona betroffenen Ländern leben größere Flüchtlingsgruppen in Camps oder Elendsvierteln. Die meisten dieser Länder sind im globalen Süden. Im Flüchtlingscamp Kutupalong in Bangladesch drängen sich derzeit mehr als 900.000 Rohingya in Zelten und improvisierten Hütten auf engstem Raum.

Das kenianische Dadaab mit seinen drei Camps beherbergt rund 200.000 Somalis. Im Libanon (über)leben mehrere Hunderttausend Syrer in sogenannten informellen Siedlungen, Pakistan hat mehr als eine Million Afghanen aufgenommen. Flüchtlinge gehören zu den großen Überlebenskünstlern der Welt, aber das ändert nichts an ihrer "Vulnerabilität", wie es im Fachjargon der Hilfsorganisationen heißt. Und die ist mit der Corona-Pandemie noch einmal exponentiell gestiegen.

Die Pandemie setzt die anderen Krisen nicht außer Kraft

Nicht, dass die klassischen Maßnahmen gar nichts nutzen würden. Ruanda hat Bushaltestellen mit tragbaren Waschbecken ausgestattet, Südafrika Versammlungen mit mehr als 100 Menschen verboten, in Dadaab wird zusätzlich Seife verteilt – alles in der Hoffnung, den Aufschlag des Virus in den ärmeren Ländern so lange wie möglich hinauszuzögern. Offiziell haben afrikanische Staaten bislang nur einige Hundert Infizierte registriert. Karl Blanchet, Direktor des Centre for Education and Research in Humanitarian Action (CERAH), glaubt, dass die wahre Zahl längst weit höher liegt. In Südafrika beginnt sich die Infektionsrate jetzt auch sichtbar zu beschleunigen. 

"Priorität in diesen Ländern muss vor allem eines haben", sagte Blanchet am vergangenen Donnerstag bei einer Videokonferenz mehrerer Hilfsorganisationen, "der Schutz der Gesundheitsarbeiter". Gesichtsmasken, Handschuhe und Schutzanzüge für Ärztinnen, Pfleger und Sanitäterinnen, Desinfektionsmittel, Test-Kits. Nur: woher nehmen, wenn die wohlhabenderen Länder den Markt leergekauft haben?  

Genau wie für die UN ist die Pandemie auch für internationale Nichtregierungsorganisationen (NGO) nicht einfach eine zusätzliche Krise, sondern eine, die sich über alle anderen stülpt. Somalia, das sich seit Jahrzehnten von einem Desaster zum anderen hangelt, bekämpft neben der islamistischen Al-Shabaab-Miliz akut eine Dürre und eine Heuschreckenplage. Das Land braucht Nahrungsmittelhilfe, Pestizide und Flugzeuge, die sie versprühen. Stattdessen müssen sich Helfer jetzt darum sorgen, so Suze van Meegen, Mitarbeiterin des Norwegian Refugee Council in Somalia, wie sie "humanitäre Ausnahmeregelungen für Einreiseverbote" bekommen. Die meisten internationalen NGOs, die in Somalia tätig sind, haben ihre Helfer in Nairobi untergebracht. Aber Kenia hat seine Grenzen geschlossen für alle Ausländer aus Staaten, in denen Corona-Fälle dokumentiert sind.

Mehr denn je müssen sich internationale NGOs also auf lokale Helferinnen stützen. Das ist an sich ohnehin ein überfälliger Wandel. Bloß brauchen auch sie die besondere Schutzausrüstung und vor allem fachkundige Aufklärung.