Coronavirus - Großbritannien ändert Strategie gegen Corona-Ausbreitung In Großbritannien gibt es bisher wenige Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Ältere Bürger könnten nun aber bis zu vier Monate in Quarantäne gehen müssen. © Foto: Reuters/ Henry Nicholls

Nach deutlicher Kritik aus wissenschaftlichen Kreisen hat die britische Regierung ihre Krisenpolitik zum Coronavirus schlagartig verändert. Anders als noch am Donnerstag verkündet, werden Großveranstaltungen in Großbritannien nun doch abgesagt. Nachdem sich die Zahl der am Virus verstorbenen Patienten am Samstag auf 21 Personen verdoppelt hatte und am Sonntag auf 35 stieg, verschärft die Regierung die Notmaßnahmen eher als geplant.

In zwei Wochen werden alle Familienmitglieder in Selbstisolation zu Hause bleiben müssen, wenn sich auch nur ein Familienmitglied infiziert oder mit Husten und Fieber krank fühlt. Rentner und Rentnerinnen, die älter als 70 Jahre alt sind, sollen in Kürze gar für vier Monate zu Hause bleiben und Sozialkontakte meiden. Weitere Maßnahmen, Sozialkontakte in der Bevölkerung zu reduzieren, sollen in Kürze getroffen werden. Zudem rät die Regierung jetzt von allen Reisen ins Ausland ab. Matt Hancock, der Gesundheitsminister, gab bekannt, dass die noch am Donnerstag von Premierminister Boris Johnson und seinem wissenschaftlichen Berater Patrick Vallance gepriesene Strategie der "Herdenimmunität" nun doch nicht Strategie der Regierung sei.

Mehr als 200 britische Wissenschaftler hatten in einem offenen Brief davor gewarnt, dass der Verlauf der Krankheit in Großbritannien exakt dem Verlauf in Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland entspreche und in wenigen Tagen schon mit Zigtausenden infizierten Patienten gerechnet werden müsse. Die Politik der britischen Regierung, der Krankheit zunächst freien Lauf zu lassen, um später eine sogenannte Herdenimmunität der Gesamtbevölkerung zu erreichen, werde das britische Gesundheitssystem, den NHS, völlig überfordern. "Jetzt die Strategie der Herdenimmunität zu verfolgen scheint nicht richtig zu sein, da es den NHS nur noch größerem Druck aussetzt, sodass nur noch mehr Menschen ihr Leben lassen müssen", schrieben die Experten. Der Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet warnte, die Regierung begehe einen "gravierenden Irrtum".

Hohe Zahl von Toten in Kauf nehmen?

Worum geht es bei der Theorie der Herdenimmunität? Angenommen ein Kranker steckt mit seinem Virus beim Niesen im Schnitt etwa zwei andere Personen an, so ist der Ansteckungsfaktor zwei. Jeder Ansteckungsfaktor von größer als 1 führt zu einer massiven Ausbreitung der Krankheit. Die Ansteckungsquote des Coronavirus liegt bei Faktor 2,5 – also recht hoch. Die Krankheit kann erst bezwungen werden, so die Theorie, wenn ein Großteil der Bevölkerung die Krankheit bekommt und danach immun ist, sodass sich die Ansteckung nicht mehr voll entfaltet. Wenn dann ein Kranker niest, in seinem Umfeld aber mindestens 60 Prozent der Personen bereits immun sind, reduziert sich der Ansteckungsfaktor zum Beispiel von 2,5 auf 1 und die Viruskrankheit flaut ab.

Auf Großbritannien übertragen würde dies aber bedeuten, dass etwa 40 Millionen Menschen zunächst an dem Virus erkranken und dann gesunden müssten, um Immunität in der Bevölkerung zu erreichen. Bei einer Todesrate von nur 1 Prozent (sie liegt in Wirklichkeit höher), wären dies 400.000 Todesfälle. Am Donnerstag erweckte die Pressekonferenz von Johnson, Vallance und dem medizinischen Berater Chris Whitty den Eindruck, dass die britische Regierung diese Theorie akzeptierte und womöglich eine extrem hohe Zahl von Toten in Kauf nehmen würde, aus Angst, dass das Gesundheitssystem ansonsten von einer zweiten Epidemie im nächsten Jahr überwältigt würde. So war die zweite Welle der Spanischen Grippe im Winter 1918 wesentlich tödlicher als die erste Welle zu Beginn des Jahres. Der Höhepunkt der jetzigen Epidemie wird in Großbritannien im Mai und Juni erwartet.

Der Ansatz der britischen Regierung hat jedoch großen Widerstand ausgelöst, da derzeit wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist, ob eine Gesundung nach einer Infektion zu einer längerfristigen Immunität führt (wohl eher nicht) und ob die Infektionen in den Sommermonaten wegen wärmerer Witterung nachlassen (bei neuen Viren ist dies eher seltener der Fall).