Donald Trump glaubt an sein persönliches Osterwunder. Wie einst Jesus Christus am dritten Tag nach seinem Tod auferstand, soll auch die US-amerikanische Wirtschaft trotz Corona-Pandemie schnell wieder zurückkommen. "Ich würde mich freuen, wenn das Land an Ostern wieder geöffnet ist", sagte der US-Präsident in einem TV-Interview seines Haussenders Fox News, bei dem auch Zuschauende Fragen stellen konnten. Wobei geöffnet offenbar heißt, dass Unternehmen wieder den Betrieb aufnehmen und die Menschen ihren Jobs nachgehen sollen. "Wir können uns fünfmal am Tag die Hände waschen und aufs Händeschütteln verzichten, aber wir müssen wieder zurück an die Arbeit", sagte Trump im Rosengarten des Weißen Hauses.

Der 73-Jährige hat während seiner Amtszeit nicht zum ersten Mal Weitsicht und Gemeinsinn vermissen lassen, doch diese Entscheidung – sofern er sie tatsächlich durchzusetzen vermag – wäre verheerend. Sollte die Wirtschaft schon in etwas mehr als zwei Wochen wieder hochfahren, ergäben sich daraus erhebliche Gefahren. Menschen gingen wieder zur Arbeit und würden sich in großer Zahl gegenseitig mit dem Coronavirus anstecken. 

Die USA haben allerdings schon jetzt die drittmeisten Infektionsfälle weltweit. Vor allem in New York explodieren die Zahlen geradezu und auch im Rest des Landes werden laut Berechnungen der Columbia University die Corona-Fälle auf bis zu 500.000 im Mai in die Höhe schnellen. In vielen Bundesstaaten könnte die Wachstumskurve erst im Juni ihren Scheitelpunkt erreichen – Ostersonntag ist aber schon am 12. April.

Aus Angst vor der kommenden Wahl

Der derzeitige Stillstand des öffentlichen Lebens in vielen Teilen des Landes müsste also noch wochenlang aufrechterhalten werden, um den Verlauf der Pandemie über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken, damit die Krankenhäuser des Landes alle Patientinnen und Patienten auch tatsächlich versorgen und behandeln können. Das ohnehin dysfunktionale US-Gesundheitssystem droht unter den Fallzahlen zusammenzubrechen, wenn die Maßnahmen zum Abstandhalten und die Schließung der Betriebe in vielen Staaten nicht durchgehalten werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden mehr Menschen sterben, wenn Donald Trump mit seinem Vorhaben ernst macht.

Doch dem Präsidenten und seinen Verbündeten in der republikanischen Partei ist das offenbar egal. Schon seit Montag testen sie die Reaktionen der Öffentlichkeit auf einen derart weitreichenden Schritt. Dan Patrick, stellvertretender Gouverneur von Texas, sagte – natürlich bei Fox News –, dass er seinen eigenen Tod durch Corona in Kauf nehmen würde, um "das Amerika, das ganz Amerika liebt" zu erhalten. Trump selbst twitterte: "Wir können nicht zulassen, dass das Heilmittel schädlicher ist als das Problem selbst."

Am Dienstag fühlte der US-Präsident sich offenkundig sicher genug, um den Vorstoß offiziell zu verkünden. Sein Motiv ist simpel. Trump will eine zweite Amtszeit und sieht in einer florierenden Wirtschaft sein bestes Argument für die Wiederwahl. Die Opfer dieses Eigensinns sind ihm offenbar egal. Bei seinem TV-Auftritt versuchte er vor einem Millionenpublikum sogar, die Todesrate der Corona-Pandemie kleinzureden. Er rechne mit weniger als einem Prozent, "substanziell weniger", als man ihm zuvor mitgeteilt hätte. Und wegen Verkehrs- und normalen Grippetoten fahre man ja auch nicht die Wirtschaft herunter.

Hart erkämpfte Akzeptanz für Einschränkungen geht verloren

Das Signal dieser Worte ist fatal. Überall im Land kämpfen Behörden und Landesregierungen um Akzeptanz für die Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Wenn der US-Präsident nun billigt, Betriebe wieder zu öffnen, und die Todesgefahr herunterspielt, könnte das die lokal mühsam erarbeitete Sensibilität der Bevölkerung für die Bedrohung der Pandemie wieder untergraben. Unnötige Infektionen wären die Folge.

Traurigerweise könnte Trump mit seiner Corona-Verharmlosung den Nerv einiger Wählerinnen treffen. Die Federal Reserve in St. Louis rechnet wegen des aktuellen Wirtschaftsstillstands mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 30 Prozent. In den USA gibt es auf Bundesebene keine langfristige Absicherung für Erwerbslose. Das vom Kongress verabschiedete Corona-Hilfspaket für Arbeitnehmer und Selbstständige ist lückenhaft, ein weiteres Billionenpaket hängt im Senat fest. Wer seine Arbeit verliert, dessen Existenz ist möglicherweise mehr vom Stillstand des öffentlichen Lebens bedroht als von Corona. Trump nutzt diese Ängste zynisch aus.

Doch auch außerhalb der USA dürfte Trumps Vorstoß schwerwiegende Folgen haben. Corona-Skeptiker in anderen Ländern – wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro – dürften sich durch das Vorgehen des Präsidenten bestätigt fühlen. Die Regierungen könnten sich dazu gezwungen sehen, ebenfalls verfrüht die eigene Wirtschaft wieder hochzufahren. Nun bleibt nur noch die Hoffnung, dass Trump seine Entscheidung noch einmal überdenkt. Es wäre nicht das erste Mal, dass er eine Ankündigung nach politischem Widerstand revidiert. Dem Land, seinen Bürgern und vielleicht der ganzen Welt täte er damit einen großen Gefallen.