Es ist erst 7 Uhr am Freitagmorgen und mit nur 6 Grad ist es auch nicht gerade warm. Doch vor dem Supermarkt Asda in Kingston, am Stadtrand von London, stehen die Leute bereits Schlange. Sie warten darauf,
endlich einkaufen zu können. Sie wollen mitnehmen, was noch da ist. Seit Tagen bringen die Sattelschlepper von Asda nicht mehr genug
Nachschub. Frisches Gemüse gibt es wenig, Fleisch ist fast gar nicht mehr da, die
meisten Regale in dem Supermarkt sind halb leer. "In den Zwischenlagern ist nichts mehr. Wir bekommen
einfach nicht genug geliefert", sagt eine Angestellte und entschuldigt sich
zaghaft.
Wenig
begeistert beobachten die Wartenden in der Schlange, wie alte Leute
vorgelassen werden. Denn das Betreten britischer Supermärkte ist seit Freitag ab Eröffnung bis 9 Uhr morgens nur der älteren Generation vorbehalten – und Menschen, die ein
geschwächtes Immunsystem haben. Einem in
der Schlange wartenden Arbeiter gefällt das nicht: "Ich habe einen Job, verdammt noch mal, muss
pünktlich bei der Arbeit sein", ruft er. Sicherheitspersonal, das sonst den Einlass von Nachtclubs regelt, sorgt
für Ordnung. "Die sind hier eigentlich noch recht diszipliniert", sagt ein Securitymitarbeiter und lässt sich vom einer Frau ein Rezept vorzeigen. Es dient als "Beweis" für
ihre Immunkrankheit. Alles zählt, selbst Spritzen für Diabetes kramen
die Leute hervor.
Zu wenig Beatmungsgeräte, Schutzanzüge, Masken
Auch
Sheila darf den Supermarkt früher betreten. Sie ist 70 Jahre alt, leidet am chronischen
Erschöpfungssyndrom, hat zu hohen Blutdruck. Gerade wirft sie die dritte Packung
Katzenfutter in ihren Einkaufswagen. Sie will sich bis Mitte Juni mit allem eindecken, was sie braucht – für 12 Wochen eben, wie es die Regierung den Alten geraten hat. Außerdem sollen Menschen, die über 70 Jahre alt sind, für mindestens drei Monate nicht mehr vor die Tür und jegliche Sozialkontakte meiden, um sich
nicht mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Die britische Regierung geht davon aus, dass in den nächsten Wochen das Land mit der vollen Wucht
der Pandemie getroffen wird. Erst in 12 Wochen soll sich die
Situation – vielleicht – bessern, verkündete Premierminister Boris Johnson.
Solange aber bittet er um Disziplin, denn das staatliche
Gesundheitssystem (NHS) ist derzeit nicht darauf vorbereitet, Tausende
von Infizierten durch die Intensivstationen zu schleusen. Die Dunkelziffer der
bereits Angesteckten soll im Land bei bis zu 50.000 Personen liegen, schätzt der wissenschaftliche Berater der
Regierung, Patrick Vallance. Mehr als 170
Personen sind bereits durch das Virus gestorben. Was die Ausbreitung angeht, vermutet die Regierung, dass Großbritannien
etwa drei Wochen hinter Italien liegt. Und die Politiker wissen auch, dass das britische Gesundheitssystem nicht so gut ist wie etwa das deutsche. Johnsons
Regierung versucht deshalb, schnell mehr Betten mit Beatmungsgeräten zu schaffen – aktuell gibt es nur 5.800 davon. Zudem fehlt es an Schutzanzügen und Masken, selbst
für Personal im Gesundheitsdienst. Da ist es besser, ältere
Menschen und Kranke wie Sheila bleiben zu Hause und infizieren sich erst gar nicht, so das Kalkül.
"Wie soll ich das eigentlich schaffen?"
"Das ist wie
Einzelhaft, wie Folter", sagt Sheila beim Einkaufen. "Drei Monate keine Sozialkontakte? Wie soll
ich das eigentlich schaffen?", fragt sie. "Ich habe keine Familienmitglieder. Ich bin allein. Ich weiß gar nicht, ob
ich in drei Monaten überhaupt noch sprechen kann." Sheila wirkt heute erschöpft und müde. Dabei erzählt die frühere Gymnasiallehrerin normalerweise gern, hört oft gar
nicht mehr auf zu reden. Trotz ihres Alters ist sie noch in der Kirche tätig, leitet eine
Mutter-Kind-Gruppe und fährt für eine Wohltätigkeitsorganisation blinde
Patienten zum Arzt. All das darf sie jetzt nicht mehr, wegen der von der Regierung
verordneten "sozialen Isolierung" der Alten. Medizin wird ihr künftig von der
Apotheke per Post nach Hause geschickt. Diese Woche ist sie noch ein letztes
Mal zu ihrem Friseur gegangen. "Der hat jetzt geschlossen – für immer", sagt Sheila.
Es ist erst 7 Uhr am Freitagmorgen und mit nur 6 Grad ist es auch nicht gerade warm. Doch vor dem Supermarkt Asda in Kingston, am Stadtrand von London, stehen die Leute bereits Schlange. Sie warten darauf,
endlich einkaufen zu können. Sie wollen mitnehmen, was noch da ist. Seit Tagen bringen die Sattelschlepper von Asda nicht mehr genug
Nachschub. Frisches Gemüse gibt es wenig, Fleisch ist fast gar nicht mehr da, die
meisten Regale in dem Supermarkt sind halb leer. "In den Zwischenlagern ist nichts mehr. Wir bekommen
einfach nicht genug geliefert", sagt eine Angestellte und entschuldigt sich
zaghaft.