"Italien, das können wir laut sagen, ist eine große Nation, eine große Gemeinschaft, geeint und verantwortungsvoll. In diesem Moment blickt die ganze Welt auf uns." Pathos schwang in den Worten mit, mit denen Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte sich am Mittwochabend an die Bürger seines Landes wandte – doch es war kein falsches Pathos.

Denn so dramatisch die Lage in dem Land ist – mit bis Freitag 17.600 Coronafällen und fast 1.300 Toten –, so dramatisch auch Contes Facebook-Video ausfiel, so ruhig blieb er doch im Ton. Dabei hat das Regierungsdekret, das er am gleichen Abend unterzeichnete, es in sich, hält es doch enorme Zumutungen für alle Bürger bereit. Fest blickte Conte in die Kamera und verkündete, von jetzt ab gelte im ganzen Land, "ich bleibe zu Hause", um dann die Vorschriften aufzuzählen, die seit Donnerstag überall in Kraft sind.

Vorerst sind 60 Millionen Menschen im Hausarrest. Vor die Tür dürfen sie nur noch, um zur Arbeit zu gehen oder Arzttermine wahrzunehmen, um Einkäufe zu erledigen oder im nächsten Park etwas für die Fitness zu tun. Doch immer gilt: Alles ist allein zu erledigen, kein Joggen mit den anderen aus der Laufgruppe, kein Einkauf als Familienausflug zum Supermarkt, und erst recht keine Partys oder Abendessen bei Freunden. 

Wohldosiertes Pathos

Auch für die Erklärung dieser Zumutungen traf Conte den richtigen Ton. "Ich weiß, dass ihr eure Lebensgewohnheiten ändert, dass ihr Opfer bringt, und ich weiß, dass das nicht einfach ist", rief er den Italienern zu, "doch ihr sollt auch wissen, dass ihr mit eurem Verzicht, klein oder groß, einen großen Beitrag für unser Land leistet".    

Und dann griff er zu einem Bild, das den Menschen äußerst einprägsam verdeutlichte, warum die Regierung jetzt ihr Sozialleben praktisch völlig stillgelegt hat: "Heute umarmen wir einander nicht, um uns morgen umso stärker zu umarmen." In dieses Bild passt, dass inzwischen viele Italienerinnen und Italiener auf ganz besondere Art auf Contes verordnete Einsamkeit reagieren: Sie verabreden sich an Fenstern und auf Balkonen, um gemeinsam zu singen und zu musizieren. In Socialmedia-Videos sind Menschen zu sehen, die sich an ihren Fenstern versammeln, den Nachbarn zuwinken, tanzen und singen.

Alle TV-Sender übertrugen Contes Rede, zugleich aber gab es bei Facebook 1,7 Millionen Aufrufe allein in den ersten 15 Minuten, hatten bis Freitag früh dort 6,2 Millionen Bürger das Video angeschaut. Wenn Meinungsforschern zufolge die übergroße Mehrheit der Bürger das Notstandsdekret billigt, wenn das Gros der Italiener die ihnen auferlegten heftigen Einschränkungen hinnimmt, dann liegt das nicht zuletzt an Contes Geschick, die Dramatik der Situation genauso zu kommunizieren wie die Entschlossenheit, als "große Gemeinschaft" die Krise zu bewältigen.

Conte ist kein gelernter Politiker

Mit eigentlich höchst unpopulären Maßnahmen die eigene Popularität weiter steigern: Dieses Kunststück dürfte Conte spätestens mit seiner Rede vom Mittwoch gelungen sein. Schon bevor die Coronakrise in der letzten Woche in Italien ihre volle Wucht entfaltete, lag der Ministerpräsident mit 43 Prozent Zustimmungswerten deutlich vor allen anderen Politikern des Landes. Wenn es ihm, der mittlerweile in der ersten Person Singular spricht ("Ich habe folgende Maßnahmen beschlossen"), gelingen sollte, den Coronanotstand zu meistern, dürfte er seinen Popularitätsvorsprung weiter ausbauen.

Dabei ist der derzeit beliebteste Politiker eigentlich gar keiner, gehört er nicht zu denen, die sich über Jahrzehnte auf Parteitagen, in Wahlkämpfen ihren Aufstieg erarbeitet und ihr rednerisches Talent geschärft hätten, die in der Arbeit im Parlament oder in der Regierung die Kniffe des Metiers gelernt und die öffentliche Meinung auf sich aufmerksam gemacht hätten.

Conte wer? So lautete im Mai 2018 noch die Frage, als er dem Staatspräsidenten Sergio Mattarella als Ministerpräsident vorgeschlagen wurde. Die Parlamentswahlen vom 4. März 2018 hatten zwei Sieger gesehen, zum einen die Anti-Establishment-Bewegung Movimento 5 Stelle (M5S), die unter ihrem jungen Spitzenkandidaten Luigi Di Maio 32,7 Prozent geholt hatte, zum anderen die rechtsnationalistische Lega unter Matteo Salvini, die auf 17,4 Prozent aufgestiegen war. Die beiden Kräfte, politisch in zahlreichen Punkten weit auseinander, einigten sich auf eine Koalition.