Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. Eine der dunkelsten Stunden des Landes – so bezeichnete Italiens Premierminister Giuseppe Conte die Ausbreitung des Virus. Was macht die Krise mit den Menschen in Italien und was kommt danach? Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie.

ZEIT ONLINE: Frau Di Cesare, in Italien gelten seit rund zwei Wochen landesweite Ausgangssperren, die Krise hat das ganze Land lahmgelegt. Wie verbringen Sie die Isolation?

Donatella Di Cesare: Mein Leben hat sich im Gegensatz zu dem der meisten Menschen nicht grundlegend verändert. Ich bin privilegiert, lese und schreibe gerade viel, verfolge alle Nachrichten und denke über sie nach. Und ich leite auch im laufenden Semester Philosophiekurse, nur eben online. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich die verlassenen Straßen Roms, höre die Sirenen der gelegentlich vorbeifahrenden Krankenwagen und sonst ist es gespenstisch still. So als wäre das Leben angehalten worden. 

ZEIT ONLINE: Von ihren Balkonen haben sich Menschen in Italien in der Krise Mut zugesungen. In Deutschland gab es anschließend ähnliche Aktionen. Wie wichtig sind solche Gesten in dieser Zeit?

Di Cesare: Diese Lieder und das gemeinsame Singen der italienischen Hymnen waren eine Reaktion auf die große Angst und dienten einzig dazu, diese Angst auszutreiben. Auf mich wirkte es ehrlich gesagt etwas befremdlich und zu patriotisch. Nach ein paar Tagen, als alle den Ernst der Lage erkannten und begriffen, wie ohnmächtig wir sind, wurde es stiller. Viele Menschen sind tiefgreifend schockiert und einige fallen angesichts mancher Bilder, denen sie dieser Tage ausgesetzt sind, in eine Depression. 

Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten, so zu leben.
Donatella Di Cesare


ZEIT ONLINE: Unter anderem ist in den italienischen Medien zu sehen, wie Militärwagen Leichen aus dem besonders betroffenen Bergamo in andere Städte fahren müssen, weil die Krematorien ausgelastet sind.

Di Cesare: Diese Bilder nehmen den Menschen ihren Optimismus. Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten. Aber dieses Mal ist es anders, dieses Mal steht uns eine Krise gegenüber, die wir nicht greifen können. Weil wir nicht im Ansatz in der Lage sind, sie zu verarbeiten. Ich befürchte deshalb, dass es nicht nur eine politische und wirtschaftliche, sondern auch eine psychische Reaktion auf das Virus geben wird. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Di Cesare: Das Virus wirkt biopolitisch, dringt in unsere Psyche ein, kappt die Verbindungen zwischen Menschen, es fühlt sich an, als wären wir seine Geiseln. Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten, so zu leben, kontrolliert in diesem technototalitären Zustand. Aber das wird Spuren hinterlassen. 

ZEIT ONLINE: Welche?

Di Cesare: Wir leben in einer immunen Demokratie mit dem Leitspruch "Noli me tangere" – berühre mich nicht. Der Staat hat die Aufgabe, mich als Bürgerin vor äußeren Einflüssen zu beschützen, und er muss dafür garantieren, dass ich immun bleibe. Dabei interessiert es mich nicht, was außerhalb meines Staates passiert. Die dem Elend ausgesetzten Menschen interessieren mich nicht. Dieses Modell haben wir doch längst verinnerlicht. Wie sehr, zeigt sich während dieser Krise. Wir akzeptieren die Beschränkungen unserer Freiheit im Moment, um weiter immun zu sein.