Dieser Mann vom radikalen Flügel des Rassemblement National wird in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle in Frankreich spielen: Philippe Vardon ist der Aufsteiger in der rechtsextremen Partei von Marine Le Pen. Sie hat ihm die fünftgrößte Stadt Frankreichs anvertraut. Vardon kandidiert für sie im südfranzösischen Nizza bei den Kommunalwahlen am Sonntag. Der 39-Jährige gilt als eines der größten Redetalente der Partei. Das zeigte sich zuletzt in verschiedenen Debatten. In einer Fernsehdiskussion ist der breitschultrig posierende Vardon seinen politischen Konkurrenten rhetorisch überlegen. Nach einigen Wortgefechten guckt der amtierende konservative Bürgermeister Christian Estrosi nur noch an die Decke, die Moderatoren ziehen bei Vardons Wortsalven genervt die Augenbrauen hoch, schaffen es aber nicht, ihn zu bremsen. Er ist politisch talentiert und ein Rechtsaußen in einer Partei, die ohnehin schon rechtsextrem ist. 

Vardon wird es am Sonntag in Nizza voraussichtlich auf den zweiten Platz schaffen. Aber im Rathaus ist, so sagen es Mitglieder seines Wahlkampfteams, ohnehin nicht sein Platz. Sondern in Paris, als Herausforderer der etablierten Parteien. Bei den Wahlen am Sonntag wird der Rassemblement National, der als eine auf die Le-Pen-Familie zugeschnittene Maschine zur Präsidentenwahl gilt, größere Städte gewinnen können, etwa Perpignan an der spanischen Grenze. Die Kandidaten und Kandidatinnen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron werden hingegen kaum eine wichtige Stadt gewinnen können: Zu jung ist seine Partei, zu unbeliebt seine bisherige Politik. Zuletzt hatte Macrons Rentenreform von Anwältinnen bis zu Krankenpflegern und Lehrern Hunderttausende Menschen auf die Straßen getrieben. Zu den Gewinnern dieser Wahlen werden hingegen Sozialisten und Republikaner zählen, die zuletzt bei landesweiten Wahlen unter zehn Prozent lagen.   

Vardon war noch vor wenigen Jahren Vorkämpfer von Identitären-Gruppen in Nizza. Auf Plakaten posierte er mit Megafon, an jedem Laternenpfahl in Nizza klebten seine Sticker: "Ja zu Socca, Nein zu Döner" – Socca ist ein traditioneller Kichererbsen-Pfannkuchen der Region. Anfang der Zweitausender gründete er den Bloc Identitaire mit, eine Gruppe junger rechtsextremer Männer. Er verteilte Suppe mit Schweinefleisch an Obdachlose, um Muslime auszuschließen.

"Vardon ist die wichtigste Person für den radikalen Flügel in der Partei", sagt Sylvain Crépon, Politikwissenschaftler und langjähriger Beobachter der Rechtsextremen in Frankreich. "Der Rassemblement National spielt auf zwei Klaviaturen: Er will eine Partei wie jede andere sein. Und zugleich ihre radikale neonazistische Klientel bedienen", so Crépon. Diese Klientel zu vereinnahmen sei die Aufgabe von Vardon. In Südfrankreich, sagt der Forscher, trete die Partei schon immer extremer auf als im Norden, wo sich ihre zweite Bastion befindet. Auch Le Pens jüngster Auftritt in Marseille zeugt davon: Während sie im Norden von Arbeitsplätzen und mehr Hilfen für ältere Menschen spricht, speit sie am Mittelmeer ihre rechte Ideologie aus: In ihrer Rede ging es fast ausschließlich um Islamisierung, angeblich gefährliche Moscheen, angeblich gewalttätige Einwanderer. Hier spricht die Partei so wie früher unter ihrem Gründer, Jean-Marie Le Pen.

Seine Antwort ist immer: Der Andere ist der Feind

Dass Vardon aufgestellt wurde, ist Kalkül. Auch wenn sich Marine Le Pen heute gerne als "Versöhnerin eines gespaltenen Volkes" inszeniert, umgibt sie sich mit Radikalen. Ihr Berater Frédérique Chatillon wurde in Büchern mehrfach als antisemitisch und neonazistisch bezeichnet – eine Klage gegen diese Zuschreibungen wies ein Gericht ab. Auch Vardon verkehrt in diesem Kreis. Seine politischen Antworten sind dieselben geblieben. Sein Vorschlag zum Weltfrauentag? Kopftuch verbieten. Seine Antwort auf mangelnden Platz in den zugebauten Städten des Südens? Moscheen abreißen.

Wenn Vardon auf dem Marktplatz in Nizza seine Werbezettel verteilt, ist seine Antwort eigentlich immer: Der Andere ist der Feind. Seien es die Flüchtlinge an der nicht weit entfernten Grenze zu Italien oder die Beamten aus Marseille, die mehr Lohn erhalten als die Einwohner von Nizza, oder das "Gesindel" aus den Vorstädten. Seine Worte erinnern an Björn Höcke von der AfD. Höcke selbst befürwortet eine Kooperation mit dem Rassemblement National, genauso wie Marine Le Pen in Tweets Höckes Wahlergebnis für Thüringen im vergangenen Oktober lobt und schreibt: "Die Dinge sind in Bewegung – in schneller Bewegung."

In der gesamten Region am Mittelmeer, von Marseille bis zur Grenze nach Italien, sind die Dinge schon lange für die Rechtsextremen in Bewegung. Ein Grund ist die Generation der alten Kolonialherren, die sich nach dem Algerienkrieg hier ansiedelte und weiter von der faschistischen Theorie einer Überlegenheit von Franzosen gegenüber allen weiteren Völkern überzeugt ist. Hier sind die Ergebnisse umgekehrt zu den großen Städten und Paris – während der Rassemblement National bei der Präsidentschaftswahl nur sieben Prozent in der Hauptstadt erhält, wählen im Süden weniger als 20 Prozent die Partei von Präsident Emmanuel Macron, während mehr als die Hälfte für die Rechten stimmt. In Nizza hat Macron erst gar keinen Kandidaten aufgestellt. Konservative und Rechtsextreme bleiben hier unter sich.

Vardon wuchs im Moulins-Viertel in Nizza auf, dort, wo die Hochhäuser 30-stöckig sind und minütlich die Jets des nahen Flughafens über die Köpfe donnern. Vardons Vater wählte Front National, wie der Rassemblement National bis 2018 hieß. Zu einer Zeit, als Parteigründer Jean-Marie Le Pen die Schoah noch zu einem Detail der Geschichte erklärte. Mit 20 Jahren spielte er in verschiedenen Musikgruppen. In einer Dokumentation von Arte aus dem Jahr 1998 singt er inmitten einer Bande rasierter Männer, die ekstatisch tanzen und den Hitlergruß zeigen.

Einige Jahre später will Vardon politische Karriere beim Front National machen. Vardon will in die Partei eintreten, aber Marine Le Pen widersetzt sich ihm zunächst. Schließlich will sie, die Tochter von Jean-Marie Le Pen, der Partei ein neues Image verpassen, ein friedlicheres, angeblich auch wählbar für die Mitte, da passt so ein Schlägertyp wie Vardon nicht zur Strategie. Aber wie so oft in der Partei  – auch hier wieder eine Parallele zur AfD – setzen sich die Radikalen durch: Marion Maréchal Le Pen, die Nichte von Marine Le Pen, unterstützt Vardon, nimmt ihn auf ihre Liste zu den Regionalwahlen 2015. Er kommt aus ihrer Region, sie frequentiert dieselben radikalen Gruppen wie er. Und setzt sich durch. Vardon wird aufgenommen. Forscher Crépon prophezeit, dass Marion Maréchal Le Pen irgendwann die Partei führen könnte – und dann Vardon an die Spitze mitzieht.