Mit Adrenalin im Blut packt sich der Koffer besonders schnell. Frühmorgens um halb acht sortiere ich nach zweieinhalb Stunden Schlaf so wach wie selten meine Kleidung. Entscheide mich für ein Reiseoutfit und sortiere aus, was hierbleiben soll, bei meiner Freundin. Meine Rückreise aus Berlin habe ich mir anders vorgestellt. Aber von vorn.

Mittwochabend in Berlin-Neukölln. Marina und ich treffen Freunde in einer Bar, kommen direkt vom Yogaunterricht, die verschwitzten Klamotten noch im Rucksack. Wir naschen warmen Zitronenkuchen und unterhalten uns über das Auswandern. Seit zehn Monaten wohne ich in Portland, Maine in den USA und bin das erste Mal zu Besuch in Berlin. Gegen Mitternacht brechen wir auf, ich bin müde.

Um halb eins lese ich die E-Mail meines Chefs aus den USA: "Wollen wir morgen telefonieren? Die Corona-Lage spitzt sich ja leider zu." Ich gebe die Worte Travel Ban, Europe, USA bei Google ein. Und finde Nachrichten, die ankündigen, dass Donald Trump um 21 Uhr amerikanischer Zeit eine Rede zur Lage der Nation hält. Ich rufe meinen Chef sofort an.

In Maine sei alles relativ entspannt, sagt er. Aber erste Schulen und Unis in New York würden schließen, das Klopapier sei teilweise ausverkauft. Was wird Trump jetzt entscheiden? Wir wollen am nächsten Tag wieder telefonieren, sagen good night und hoffen das Beste. Natürlich bleibe ich wach. Nie fühlte ich mich in meinen zehn Monaten USA so abhängig vom Wort des Präsidenten. 

Donald Trump ist von vielen Seiten kritisiert worden, weil er den Covid-Virus erst heruntergespielt hatte. Vielleicht, denke ich, schlägt er jetzt in die andere Richtung aus. Um 2 Uhr morgens dann die Gewissheit

Die Flugpreise klettern auf mehr als 2.000 Dollar

Er verhängt ein Einreiseverbot für alle Europäer außer Briten. Es gilt ab Freitag, den 13. März um Mitternacht. Mein Rückflug in die USA ist erst am Montag. Ich schnappe mir meinen Laptop und versuche, umzubuchen. Die Seite stürzt ständig ab, ich schaffe es nie über die Kreditkartendaten hinaus. Mein Chef sucht parallel von den USA aus. Denkt, er habe was, aber nein, doch nicht. Plötzlich klettern die Flugpreise auf über 2.000 Dollar. Für eine Strecke, die manchmal nur 250 Dollar kostet, von Berlin nach Boston. Meine ursprünglich gebuchten Flüge haben nur 600 Euro gekostet, hin und zurück. Aber beim Gedanken daran, nicht ausreisen zu dürfen, erscheinen mir selbst 2.000 Dollar akzeptabel.

Ich hatte Pläne mit meinen Freundinnen für die kommenden vier Tage. Während die Flugseiten laden, tippe ich hastig Absagen: Muss heute weg, Einreisestopp ab Freitag, dazu viele Emojis. Die Reaktionen meiner Freundinnen sind verständnisvoll. Pass auf dich auf, viel Glück, was, so teuer?, das wird schon, verrückte Welt.

Um 4 Uhr 15 ergattere ich endlich ein Ticket für Donnerstagnachmittag. Nicht die Traumverbindung, aber ich bleibe mit Anschlussflug bei 900 Dollar. Das ist viel Geld für mich, mehr als die Hälfte meines monatlich verfügbaren Einkommens nach Miete und Auto. Aber ich war noch nie so froh, eine hohe Rechnung zu sehen. 

Mein Flug von Berlin nach Frankfurt hebt um 13:30 Uhr ab, also gönne ich mir gute zwei Stunden Schlaf, von kurz nach fünf bis halb acht. Zwischendurch ruft mein Vater an, er hat nach seiner Nachtschicht die Nachrichten gesehen. Ich reagiere angespannt: "Du hast uns gerade aufgeweckt, weißt du das? Ich hab alles im Griff, melde mich später." Er legt auf. Am Nachmittag entschuldige ich mich.

11 Uhr. Ich fahre zum Flughafen Berlin-Tegel. Und sehe dort den Rapper Sido – ob er wohl auch umgebucht hat? Mein Flug nach Frankfurt ist bis auf eine Handvoll Sitze ausgebucht. Als ich dann in Frankfurt meine beiden Koffer zum Gate rolle, staune ich. Fast nichts los im Terminal A des größten Flughafens Europas. Die wenigen Passagiere, die wie ich überpünktlich sind, halten großen Abstand zueinander.