Eintausendneunhunderteinundneunzig. Diese magische Zahl dürfte in den Wahlkampfzentralen von Joe Biden und Bernie Sanders rot umkringelt an einer  Pinnwand hängen. 1.991 Delegierte muss der Sieger der US-Demokraten gewinnen, um als Gegner Donald Trumps aufgestellt zu werden. Die Mitarbeitenden der Sanders-Kampagne dürften in diesen Tagen zunehmend besorgte Blicke auf diese Zahl werfen.

Am Dienstag wurde in den Bundesstaaten Arizona, Florida und Illinois gewählt. Wie schon die Umfragen erwarten ließen, gewann Joe Biden in allen drei Bundesstaaten. In Florida sogar mit einer großen Mehrheit – mehr als 60 Prozent stimmten dort für ihn. Mit 219 Delegierten, von denen Biden jetzt zwei Drittel sicher hat, ist Florida einer der größeren Staaten. Für Sanders war diese Wahl ein herber Verlust. In Illinois war Biden beinahe genauso erfolgreich.

Aus Ohio, wo ebenfalls hätte gewählt werden sollen, gab es hingegen keine Ergebnisse. Der Gouverneur des Bundesstaates im Norden der USA hatte am Montagabend bekannt gegeben, er werde die Wahl wegen des "inakzeptablen Gesundheitsrisikos" verschieben. Ohio ist ein wichtiger Staat für die Demokraten. Hier leben, wie in Illinois und Michigan, die weißen Arbeiter, die oft als "die Abgehängten" beschrieben werden. Die Demokraten müssen diese Menschen wieder erreichen, wenn sie gegen Donald Trump eine Chance haben wollen. Ohne Ohio waren diese Vorwahlen also nicht ganz so bedeutungsschwer, wie sie hätten sein können. Die drei Staaten, in denen gewählt wurde, machen aber immerhin 11 Prozent der Delegierten aus.

Corona-Krise verstärkt Lagerwahlkampf bei den Demokraten

Teil des sogenannten Rust-Belt sind auch die Schlüsselstaaten Pennsylvania und New York, deren Vorwahlen erst für Ende April angesetzt sind. Sofern sie denn stattfinden: Ohio ist nicht der einzige Staat, dessen Vorwahl verschoben wurde. Georgia, Louisiana, Maryland und Kentucky haben ihre bevorstehenden Primaries ebenfalls weiter zum Sommer hin verlegt.

Das sorgt für eine interessante Dynamik: Bernie Sanders ist zwar noch weiter hinter Biden zurückgefallen – trotzdem könnte er sich noch eine Weile im Rennen halten. Solange Joe Biden seinen Vorsprung nicht zu einem technisch unerreichbaren ausbauen kann, weil gar keine Vorwahlen stattfinden, hat Sanders auch keinen zwingenden Grund, auszusteigen. Vermutlich wird er diese Chance nutzen, um weiter Aufmerksamkeit auf sein Projekt einer kostenlosen Krankenversicherung für alle zu lenken. 

Die Tatsache, dass die drei Vorwahlen am Dienstag überhaupt
stattfanden, zeigt aber auch, wie ungeklärt der politische Umgang mit dem
Coronavirus noch ist. Der Tag war überschattet von einer Kontroverse innerhalb der Demokratischen Partei, die sich vor allem am Verhalten von Tom Perez entzündet hatte. Perez ist der Chef des Democratic National Committee (DNC), also quasi der Bundesvorsitzende der Demokraten. Er hatte gefordert, Vorwahlen nicht oder nur begrenzt zu verschieben, und dazu unter anderem gesagt: "Nun, da unser Land mit der Unsicherheit von Covid-19 umgehen muss, ist es entscheidend, dass die Staaten für Klarheit sorgen und nicht für Verwirrung, die zur Entmündigung der Wähler führen könnte."

In Zeiten einer tödlichen Pandemie ist das eine umstrittene Aussage, auch wenn er sie mit der Aussicht verknüpfte, verstärkt auf Briefwahl zu setzen. Laut Guardian wolle der DNC Bundesstaaten sogar mit einem Abzug von Delegierten bestrafen, wenn sie die Vorwahlen über den Juni hinaus verschieben sollten. Perez’ Motiv liegt nahe. Er will die Sache über die Bühne bringen. Das hieße den Zahlen nach wahrscheinlich: ein Sieg für Biden. Die Demokratische Partei wäre ihren Störenfried Sanders einmal mehr los. 

Am Dienstag berichteten Twitter-Nutzer dann von langen Schlangen vor Wahllokalen, in denen die Menschen dicht aneinander gedrängt standen. Ein Foto aus einem vor allem von Latinos bewohnten Bezirk in Chicago zeigte Wählerinnen und Wähler, die in einem schlecht belüfteten Keller darauf warteten, ihre Stimme abgeben zu können – angeblich bis zu einer Stunde. Darunter kommentierte ein anderer Nutzer: "Bei mir im Vorort konnte ich innerhalb von 5 bis 10 Minuten zwei andere Wahllokale zu Fuß erreichen. Es ist eine Schande, wie weit diese Leute mitten in einer Gesundheitskrise gehen müssen, damit ihre Stimme nicht unterdrückt wird."  Perez hielt jedoch noch am Dienstagabend an seiner Haltung fest.

Joe Biden in der Rolle von Hillary Clinton

Diese und  ähnliche Tweets kamen mehrheitlich von Sanders-Unterstützern. Der Widerspruch war nicht minder energisch. Einmal mehr war im Zuge dieser Vorwahlen zu beobachten, wie das Biden- und das Sanders-Lager einander nicht nur im Rahmen der üblichen Konkurrenz-Choreografie kritisieren, sondern grundsätzlich verachten. Das war schon im Vorwahlkampf 2016 so, als Hillary Clinton schließlich gegen Bernie Sanders gewann. Seither haben sich die Gräben noch vertieft, sind die Lagerkämpfe innerhalb der Demokraten erbitterter geworden. Und das, obwohl die große Polarisiererin Clinton gar nicht mehr zur Wahl steht.

Das führt zu der drängenden Frage: Was heißt das alles für das Verhalten der Basis in den kommenden Monaten? Wenn der immer wahrscheinlicher werdende Fall eintritt, dass Joe Biden die Nominierung gewinnt, wie verhalten sich dann die "Bernie Bros" bei der Präsidentschaftswahl im November? Wen wählen sie, wenn er selbst nicht zur Wahl steht? Biden? Niemanden? Oder gar Donald Trump? Die Härte, die dem Establishment der Demokratischen Partei in den sozialen Medien derzeit entgegenschlägt, lässt fraglich erscheinen, ob Biden wirklich der "Kandidat der Einheit" ist, als der er sich auch am Dienstagabend nach den ersten Hochrechnungen wieder bezeichnete. Auch wenn die Ergebnisse bei den Vorwahlen für ihn sprechen.

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob Biden dieses Hoch halten kann. Weder sein Konkurrent noch die Corona-Krise werden es ihm leicht machen. Zwar inszeniert Biden sich als großer Krisenmanager, als Garant der Normalität und als Gegenstück zu Sanders’ Revolutionserzählung. In Zeiten, in denen nichts mehr normal scheint, hat diese Strategie gute Chancen, und die neuesten Vorwahlergebnisse verstärken diesen Eindruck noch. Aber mit dem Beharren darauf, die Vorwahlen stattfinden zu lassen wie gewohnt, könnte es die längst auf Biden geeichte Parteiführung  gefährlich übertrieben haben – gefährlich sowohl im politischen als auch im gesundheitlichen Sinne. So unberechenbar, wie das Coronavirus die Welt gerade heimsucht, könnte es auch den US-Wahlkampf noch gehörig durcheinanderbringen. 

US-Vorwahl - Joe Biden gewinnt wieder deutlich gegen Bernie Sanders Mit Siegen in Illinois, Florida und Arizona hat Biden schon 19 Staaten gewonnen. In seiner Ansprache rief er die Wähler von Bernie Sanders dazu auf, ihn zu unterstützen. © Foto: Carlos Barria/Reuters Pictures