Eine solch große Demonstration hat Stockholm seit Jahren nicht mehr erlebt: Tausende Menschen ziehen am Mittwochabend durch die schwedische Hauptstadt, vor allem junge Leute gehen an diesem Abend auf die Straße. Doch sie protestieren nicht gegen Corona-Politik des Landes – sondern drücken ihre Solidarität mit dem von US-Polizisten getöteten George Floyd aus.

Das Vertrauen der Schwedinnen und Schweden in ihren eigenen Staat ist auch nach mehr als 4.600 Corona-Toten im Land nicht erschüttert. Doch so langsam scheint sich der Wind im 10-Millionen-Land zu drehen. Dazu hat nicht zuletzt der Mann, der Schweden seit mehr als vier Monaten durch die Corona-Krise steuert, selbst beigetragen: Anders Tegnell, erster Epidemiologe des Landes, verehrt und kritisiert zugleich. Am Mittwoch musste er in einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk einräumen: "Wir hätten von Anfang an härtere Maßnahmen erlassen sollen." Welche das gewesen wären, lässt Tegnell zwar offen. Aber auf die Frage, ob zu viele Menschen zu früh gestorben seien, antwortet er mit einem kurzen "Ja!".

Das Eingeständnis hat Folgen. Der politische Frieden im Land ist vorbei. In einer aktuellen Fragestunde im Parlament bauten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten Druck auf: "Die Corona-Politik der Regierung ist gescheitert", stellte die Abgeordnete Ann-Christine From Utterstedt fest. Wenn am Sonntag die erste große Fernsehdebatte seit Ausbruch der Corona-Krise ansteht, wird sich die Regierung wohl viele kritische Fragen gefallen lassen müssen.

Reiseverbot und offene Schulen

Es sind nicht nur die vielen Toten, die immer mehr Menschen am Sonderweg Schwedens zweifeln lassen. Es sind auch die Reisebeschränkungen. Seit März warnt das Außenministerium vor unnötigen Reisen ins Ausland und die Reisewarnung ist noch bis zum 15. Juli in Kraft. Bis dahin müssen alle im Land bleiben. Für die reisefreudigen Schweden ist das eine völlig ungewohnte Situation. Hinzu kommt, dass schwedische Touristen längst nicht mehr überall willkommen sind. Dänemark hält seine Grenzen nach wie vor geschlossen. Wer aus Schweden nach Tschechien, Zypern oder Griechenland reisen will, muss vor Ort erst einmal einen Corona-Test über sich ergehen lassen – sonst wird die Einreise verwehrt. 

Das Reiseverbot macht auch Sara Lindstrand Sorgen. Die 42jährige ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrem Mann auf Östermalm. Die Familie besitzt ein kleines Ferienhaus in den italienischen Alpen. Sie sind Italien-Fans und haben den Kurs ihrer Regierung immer unterstützt, obwohl einige ihrer Freunde an Covid-19 erkrankt waren – die meisten kamen allerdings glimpflich davon. Jetzt fürchtet die Familie um ihren Sommerurlaub. "Wir wissen noch immer nicht, wohin wir reisen können", sagt Sara. Als sie im März  aus Italien zurückkamen, mussten sie für 14 Tage in Quarantäne. Jetzt ist sich Sara unsicher, ob eine schwedische Familie in Italien überhaupt willkommen ist. "Wir haben mit unseren Nachbarn telefoniert. Die haben gesagt: "Macht Euch keine Sorgen. Kommt einfach", sagt sie.

Wirtschaftliche Folgen

Dass Anders Tegnell Fehler einräumen musste, hat auch Sara gehört. Aber den schwedischen Weg ganz verurteilen will sie nicht. "Vor allem die offenen Schulen waren gut für uns alle", meint sie.      

Dass die Schweden ihre Schulen bis Klasse neun und ihre Kindergärten über die gesamte Zeit offen gelassen haben, hat bei vielen Beobachtern im Ausland für Kopfschütteln gesorgt. Mittlerweile scheint sich aber in ganz Skandinavien die Ansicht durchzusetzen, dass Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus eine eher geringe Rolle spielen. Die Norweger verzichten seit dieser Woche auf sämtliche Abstandsregeln in den Schulen. Und die Dänen können nach sechs Wochen mit offenen Grundschulen keinen Anstieg der Infektionszahlen erkennen. 

Negativ sind in Schweden dagegen auch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise: Hotels und Restaurants beklagen Umsatzeinbrüche von bis zu 90 Prozent. Bei Volvo laufen die Bänder nur noch an drei Tagen pro Woche. Die Arbeitslosigkeit steigt. Sie könnte bis zum Jahresende einen Wert von mehr als zehn Prozent erreichen. Die Preise am Immobilienmarkt fallen. Und für die angeschlagene skandinavische Fluglinie SAS interessieren sich chinesische Investoren. Die Aussichten für das Exportland Schweden sind nicht gut. 

Wer keine Symptome hat, darf wieder reisen.
Ministerpräsident Stefan Löfven

Wenigstens nimmt inzwischen die Zahl der Covid-19-Todesfälle ab, aber längst nicht so stark wie in anderen Ländern. Noch immer sterben täglich rund 50 Menschen an den Folgen der Erkrankung. Besonders beunruhigend: Während sich in Stockholm die Lage zu entspannen scheint, nehmen in anderen Landesteilen die Infektionen zu, etwa in der Region rund um Göteborg, Schwedens zweitgrößter Stadt. Nördlich von Göteborg liegen auch die beliebten Ferienorte der Schweden: Lyseksil, Smögen oder Fjällbacka. Selbst viele Stockholmer haben dort ein Sommerhaus. Derzeit liegt auch das zu weit entfernt, sofern man sich an die Vorgaben der Gesundheitsbehörde hält. Denn im Land gilt die Empfehlung, dass sich jeder nicht mehr als zwei Stunden von seinem Heimatort entfernen soll.

Zumindest galt die Empfehlung bis Donnerstag. Da überbrachte der unter Druck geratene Ministerpräsident Stefan Löfven die vielleicht beste Nachricht der Woche selbst. "Wer keine Symptome hat, darf wieder reisen", verkündete er. Wie das mit den steigenden Fallzahlen in einigen Regionen des Landes zusammenpasse, wurde er von Journalisten gefragt. Statt selbst eine Antwort zu geben, sagt er nur: "Die Lage ist nach wie vor ernst. Wenn die Zahlen steigen, werden wir die Restriktionen wieder anheben."  

Besonders erfreut war man über die Entscheidung der Regierung in Vimmerby. Dort liegt – mehr als zwei Stunden von Stockholm entfernt – die Astrid-Lindgren-Welt. Zum 75. Jubiläum von Pippi Langstrumpf in diesem Jahr hat man viel Geld in eine neue Villa Kunterbunt investiert. Am 17. Juni wird der Park wieder öffnen. Dann hofft man nicht nur auf schwedische Besucher, sondern auch auf viele Touristen aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. Eine große Fährlinie wirbt in Deutschland schon seit Tagen mit dem Slogan: "Endlich wieder Schweden sorgenfrei genießen" – auch wenn es nur ein frommer Wunsch sein mag. Die Schweden selbst hoffen darauf wohl am meisten.