Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Joe Biden der nächste Präsident der USA wird. Doch wofür steht der Herausforderer von Donald Trump eigentlich? Der linke Journalist Branko Marcetic hat eine Biografie über Biden geschrieben, die sich kritisch mit dem fast fünfzig Jahre langen Arbeitsleben des Politikers aus Delaware auseinandersetzt.
ZEIT ONLINE: Herr Marcetic, als Sie 2019 mit Ihrer Biografie über Joe Biden begannen, war noch gar nicht klar, dass er gegen Donald Trump antreten würde. Was hat Sie an Biden gereizt?
Branko Marcetic: Er hat einfach eine sehr lange Karriere hinter sich und ist eine der Schlüsselfiguren des Rechtsrucks der Demokraten ab den Siebzigerjahren. Zudem standen seine Chancen, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, nicht schlecht, als er seine Kandidatur bekannt gab. Vizepräsidenten gewinnen meistens ihre Vorwahlen, weil sie bekannt sind und den Rückhalt ihrer Partei haben.
ZEIT ONLINE: Bei Biden konnte man allerdings den Eindruck haben, dass Teile der Demokraten lieber einen anderen Kandidaten ernannt hätten.
Marcetic: Das Parteiestablishment hatte in der Tat lange andere Favoriten. Erst Kamala Harris, dann Pete Buttigieg, Elizabeth Warren und zuletzt Amy Klobuchar.
ZEIT ONLINE: Viele Beobachter hatten Biden schon in den Vorwahlen abgeschrieben. In Iowa, New Hampshire und auch Nevada blieb Biden in der Wählergunst weit hinter den Erwartungen zurück.
Marcetic: Das ist richtig. Auch ich hatte mich schon gefragt, ob die Idee mit dem Buch so gut war. Ich sah ihn vor Beginn der Vorwahlen durch die TV-Debatten stolpern. Er verwechselte ständig Namen und Fakten. Seine Kampagne war vollkommen energielos. Es war klar, dass er längst nicht mehr so scharfsinnig ist, wie noch vor einigen Jahren. Doch viele – auch ich – haben ihn unterschätzt.
ZEIT ONLINE: Bei den Vorwahlen in South Carolina feierte er dann einen deutlichen Sieg. Kurz darauf stiegen die meisten seiner Gegner aus dem Rennen aus und gaben ihre Unterstützung für Biden bekannt. Wie hat er es doch noch geschafft, die Partei hinter sich zu versammeln?
Marcetic: Weil er abgesehen von Bernie Sanders der einzige Kandidat war, der zumindest ein wenig Rückhalt bei PoC-Wählern hatte. Das ist eine wichtige Wählergruppe für die Demokraten und hat ihm enorm geholfen.
ZEIT ONLINE: Es ist Bidens erstes großes Comeback. Seine Präsidentschaftskampagnen 1988 und 2008 verliefen erfolglos. Besonders viel Rückhalt scheint er auch unter ehemaligen Mitstreitern nicht zu haben. Barack Obama hat laut einem Medienbericht einmal gesagt: "Unterschätzt nicht Joe's Fähigkeit, die Dinge in den Sand zu setzen."
Marcetic: Ich glaube, Biden leidet darunter, ständig unterschätzt zu werden – vor allem von Obama und seinem Umfeld. Er kommt nicht aus dem Akademikermilieu, das bei den Demokraten und im Weißen Haus unter Obama vorherrschte. 1988 beendete er seine Präsidentschaftskandidatur unter anderem, weil er einen Wähler angriff, der ihn nach seinen universitären Leistungen gefragt hatte. Er fiel dem Mann ins Wort und erklärte, dass er einen viel höheren Intelligenzquotienten habe, als der Fragesteller. Biden dachte vermutlich, der Mann wolle ihm den Intellekt absprechen, und darauf reagiert er empfindlich. Schon in früheren Interviews hat er häufig versucht, besonders intellektuell zu wirken.
ZEIT ONLINE: Das klingt nach einem leichten Minderwertigkeitskomplex.
Marcetic: In der Tat, und ich kann das sogar nachvollziehen. Während seiner Zeit als Vizepräsident nahmen ihn Obamas Leute kaum ernst, lachten ihn hinter seinem Rücken aus und rollten mit den Augen, wenn er wieder einmal lange Vorträge hielt. Sie hielten ihn für eine Witzfigur. Das hat ihm zu schaffen gemacht.
Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Joe Biden der nächste Präsident der USA wird. Doch wofür steht der Herausforderer von Donald Trump eigentlich? Der linke Journalist Branko Marcetic hat eine Biografie über Biden geschrieben, die sich kritisch mit dem fast fünfzig Jahre langen Arbeitsleben des Politikers aus Delaware auseinandersetzt.
ZEIT ONLINE: Herr Marcetic, als Sie 2019 mit Ihrer Biografie über Joe Biden begannen, war noch gar nicht klar, dass er gegen Donald Trump antreten würde. Was hat Sie an Biden gereizt?
Branko Marcetic: Er hat einfach eine sehr lange Karriere hinter sich und ist eine der Schlüsselfiguren des Rechtsrucks der Demokraten ab den Siebzigerjahren. Zudem standen seine Chancen, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, nicht schlecht, als er seine Kandidatur bekannt gab. Vizepräsidenten gewinnen meistens ihre Vorwahlen, weil sie bekannt sind und den Rückhalt ihrer Partei haben.