Sieben Fälle von Hirnvenenthrombose bei 1,6 Million Geimpften in Deutschland: Aus Vorsicht hat die Bundesregierung – genauso wie eine Reihe weiterer Staaten – die Impfungen mit der Vakzine von AstraZeneca gestoppt. Das Problem: Keiner weiß bisher sicher zu sagen, ob die Thrombosen mit der Impfung zu tun haben. Möglich ist, dass einfach nur Geimpfte eine Thrombose erlitten, die diese Thrombose auch ohne Impfung bekommen hätten. Aber auch ein direkter Zusammenhang ist möglich – jedoch bisher nicht nachgewiesen. Solche Thrombosen im Gehirn kommen sehr selten vor, etwa zwei- bis fünfmal pro eine Million Menschen pro Jahr, andere Studien gehen von bis zu 15 Fällen pro Million Menschen und Jahr aus.
Bei einem solchen Verdacht versuchen Politiker, abzuwägen: Wie viel Vorsicht ist geboten, wie viel Risiko ist zu verantworten? Einige Regierungen entschieden sich angesichts der ungeklärten Lage zum Schutz der Bevölkerung gegen das Risiko und stoppten die Impfung mit AstraZeneca. Das ist dann eine politische Entscheidung. Die Regierungen lassen sich dafür von Forscherinnen beraten, im Fall Deutschlands vom Paul-Ehrlich-Institut.
Zugelassen in der EU hat den Impfstoff die Europäische Arzneimittelagentur Ema in einem normalen Zulassungsverfahren. Das britisch-schwedische Pharmaunternehmen AstraZeneca hat betont, dass ihre Vakzine "basierend auf klaren wissenschaftlichen Beweisen" sicher sei. Die Ema will sich noch am heutigen Dienstag äußern.
Der Stand in den einzelnen Staaten:
- Schweden: Das Land pausiert den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs jetzt auch, bis die Untersuchung der Ema abgeschlossen ist. Auch als "eine Vorsichtsmaßnahme". Thrombosefälle wurden hier bisher nicht bekannt. Brisant daran ist, dass AstraZeneca teils schwedisch ist: Der Pharmakonzern ist 1999 aus dem Zusammenschluss des schwedischen Unternehmens Astra und dem britischen Konzern Zeneca entstanden. Seinen Hauptsitz hat AstraZeneca im englischen Cambridge.
- Dänemark hatte Donnerstag vergangener Woche als Erstes die Impfungen mit AstraZeneca für zwei Wochen gestoppt. Grund waren "Berichte über schwere Fälle der Bildung von Blutgerinnseln". Über konkrete Fälle ist bislang nichts bekannt.
- Norwegen: Am gleichen Tag stoppte auch Norwegen die Impfungen. Hier war eine unter 50 Jahren alte Pflegerin infolge einer Hirnblutung gestorben. Knapp eine Woche zuvor war sie geimpft worden, wie am Montag bekannt wurde. Auch eine um die 30 Jahre alte Pflegerin war zehn Tage nach ihrer Impfung gestorben – ein kausaler Zusammenhang ist bislang nicht nachgewiesen.
- Island: Auch Island setzte am vergangenen Donnerstag die Impfungen aus. In Island leben nur knapp 370.000 Menschen.
- Bulgarien: Am Freitag setzte Bulgarien die Impfungen aus: Grund ist der Tod einer kurz zuvor geimpften Frau. Sie hatte Übergewicht und wegen verstopfter Koronargefäße mehrere Bypässe gelegt bekommen.
- Niederlande: Am Sonntag folgten die Niederlande. Es wurden hier zehn Fälle gezählt, in denen es nach der Impfung zu "Thrombosen oder Embolien" gekommen war.
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Irland: Auch der Inselstaat hat sich am Sonntag angeschlossen und verabreicht kein AstraZeneca-Impfstoff mehr. Grund sind hier die Berichte aus Dänemark und Norwegen.
Die bisherigen Entscheidungen hatten einen Dominoeffekt zur Folge: An einem einzigen Tag stoppten nun gleich sieben Staaten die Impfungen:
- Deutschland: Seit Montag wird der AstraZeneca-Impfstoff auch in Deutschland nicht mehr verimpft. Grund sind sieben Fälle von Hirnthrombose bei 1,6 Million Geimpften. Die Regierung folgt einer Empfehlung des bundeseigenen Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen, das für die Kontrolle von Impfstoffen zuständig ist.
- Frankreich: Das Land hat die Impfungen wie Deutschland am Montag ausgesetzt und prüft. Die Zahl der Fälle von Menschen, die unerwünschte Nebenwirkungen zeigten, sei gering, sagte Frankreichs Impfbeauftragter Alain Fischer.
- Italien: Auf Deutschland und Frankreich folgte eine Reihe weiterer Staaten, darunter Italien: Die Arzneimittelaufsicht des Landes bekannte, dass die Impfungen aus politischen Erwägungen heraus gestoppt wurden. Die Aufsichtsbehörde Aifa stuft den Impfstoff mittlerweile wieder als weitgehend sicher ein. Das Verhältnis von Nutzen zu Risiko sei "weitgehend positiv", sagte Aifa-Direktor Nicola Magrini. Die Aifa werde zwei bis drei Tage benötigen, um noch erforderliche Daten zu sammeln. Sobald alle Zweifel ausgeräumt seien, "können wir schneller weitermachen als zuvor".
- Spanien: Für mindestens zwei Wochen setzte auch Spanien die Impfungen mit AstraZeneca aus. Als Vorsichtsmaßnahme, wie das Gesundheitsministerium bekannt gab. In dieser Zeit würden Experten die Sicherheit der Vakzine prüfen.
- Slowenien: Das Land setzte ebenso am Montag die Impfungen mit AstraZeneca aus. Die slowenische Expertinnengruppe für das Coronavirus habe den Stopp als Vorsichtsmaßnahme empfohlen, sagte Gesundheitsminister Janez Poklukar. Über konkrete Fälle in dem Land ist nichts bekannt.
- Portugal: Auch für die zehn Millionen Portugiesen gibt es seit dieser Woche vorerst keine AstraZeneca-Impfungen mehr.
- Lettland: In Lettland mit seinen 1,9 Millionen Einwohnern entschieden die Gesundheitsbehörden, die Verabreichung des AstraZeneca-Impfstoffs vorerst zu stoppen. Es handele sich um eine auf maximal zwei Wochen befristete "Vorsichtsmaßnahme", hieß es.
- Zypern: Auch der EU-Inselstaat setzt wie Schweden seit dem heutigen Dienstag vorübergehend die Impfungen mit AstraZeneca aus und wartet die Einschätzung der Ema ab. Zypern will 50.000 Dosen des russischen Präparats Sputnik V kaufen. Zypern hat 1,2 Millionen Einwohnerinnen.
- Luxemburg: Das Großherzogtum setzt die Impfungen aus, weil es andere Staaten auch tun. Fälle im Land sind nicht bekannt.
Es gibt aber auch mehrere Staaten, die weitermachen oder in denen der Impfstoff noch gar nicht verwendet wurde.
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Österreich: Im Gegensatz zu anderen EU-Staaten impft Österreich mit seinen etwa acht Millionen Einwohnern bisherigen Informationen zufolge weiter auch mit AstraZeneca. Das nationale Impfgremium habe eine entsprechende vorläufige Empfehlung ausgesprochen, heißt es.
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Tschechien: Die Regierung sieht einen "unleugbaren" positiven Nutzen des Impfstoffs. "Es gibt keinen Grund für Befürchtungen", hieß es. Zugleich prüfe man die jüngsten Vorfälle in anderen Ländern und verfolge ihre Untersuchung sehr sorgfältig.
- Venezuela: Hier wird noch kein AstraZeneca verimpft. Angesichts gesundheitlicher Komplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung will das Land den Impfstoff auch nicht genehmigen. Der südamerikanische Krisenstaat hätte laut Medienberichten von der internationalen Covax-Initiative zwischen 1,4 und 2,4 Millionen Dosen des AstraZeneca-Präparats bekommen sollen. Venezuela verimpft den russischen Impfstoff Sputnik V und die Vakzine des chinesischen Herstellers Sinopharm.
- Australien: Das Land impft weiter, trotz Bedenken über mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen in Europa. "Während die Europäische Arzneimittel-Agentur diese Ereignisse untersucht, hat sie ihre Ansicht bekräftigt, dass der Impfstoff von AstraZeneca erfolgreich vor Covid-19 schützt und weiterhin in der Impfkampagne verwendet werden sollte", begründete der oberste nationale Gesundheitsbeamte Paul Kelly.
- USA: Hier befindet sich die Vakzine von AstraZeneca noch im Zulassungsverfahren. Der Leiter der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH), Francis Collins, sagte, es gebe "möglicherweise eine gewisse Überreaktion auf etwas, das in keiner Beziehung zu dem Impfstoff steht".