Der angekündigte Abzug der internationalen Truppen vom Hindukusch sieht in den Augen vieler Afghaninnen und Afghanen wie ein Eingeständnis der Niederlage aus, sagt Thomas Ruttig, Gründer des Thinktanks Afghanistan Analysts Network. Wir haben mit ihm über Gegenwart und Zukunft des Landes gesprochen. Ruttig hat viele Jahre in Afghanistan verbracht und spricht die Hauptlandessprachen Pashto und Dari.

ZEIT ONLINE: Herr Ruttig, Joe Biden will zum 11. September die US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Am 24. April sollte in Istanbul eine internationale Konferenz mit den Taliban und Vertretern der afghanischen Regierung über die Zukunft des Landes stattfinden, die die Taliban inzwischen abgesagt haben. Wird sich nach der Biden-Ankündigung etwas bewegen?

Thomas Ruttig: Der Fortgang eines Friedensprozesses hängt jetzt in erster Linie von den Taliban ab, ob sie sich auch nach dem US-Abzug weiter weigern, mit der afghanischen Regierung zu reden. Präsident Aschraf Ghani und der Chef des Hohen Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah, haben ja eine Art repräsentative Gruppe zusammengestellt, in der auch Parlamentarier und Kabinettsmitglieder sind und die dann stellvertretend für Kabul spricht. Die dürfte nach wie vor zur Verfügung stehen.

ZEIT ONLINE: 3.500 US-Soldaten sind noch im Land – ziehen jetzt aber ab. Ohne diese drohe der Kabuler Regierung der Kontrollverlust, hat Afghanistans Innenminister Massoud Andarabi gewarnt. Ist das so?  

Ruttig: Ja, er hat das in einem Anfall von Ehrlichkeit zugegeben. Und das hat zwei Gründe: Der eine ist ein militärischer. Mit den abziehenden US-Soldaten gehen Funktionen verloren, die die afghanischen Streitkräfte alleine nicht ausführen können. Das betrifft vor allem die Luftunterstützung, also Bombenangriffe anzufordern, wenn die afghanischen Streitkräfte durch die Taliban in Bedrängnis geraten. Dazu gehört auch geheimdienstliche Aufklärung.

Der zweite ist ein symbolischer: Der jetzt angekündigte Abzug der westlichen Truppen sieht in den Augen vieler wie ein Eingeständnis der Niederlage aus. Die Soldaten haben ja das anfangs erklärte Ziel, die Taliban zu zerschlagen, nicht erreicht. Sie haben sie im Gegenteil eher aufgebaut. Jetzt laufen sie weg und lassen uns zurück – das ist der Eindruck, der sich dann in der Bevölkerung und in den politischen Kreisen Afghanistans breitmacht. Das könnte viele afghanische Politiker, vor allem ehemalige Mudschahedin, dazu bringen, sich mit den Taliban zu verständigen und zu einem Ende der Regierung Ghani führen.

ZEIT ONLINE: Viele fürchten: Wenn die ausländischen Soldaten erst mal raus sind, wird auch die internationale Aufmerksamkeit für Afghanistan rapide abnehmen. Würden Sie dem zustimmen?

Ruttig: Ja, das ist eine große Sorge in Afghanistan. Und wenn die Aufmerksamkeit schwindet, wird es auch weniger Geld geben. Das Land wird zu einem hohen Anteil – Schätzungen belaufen sich auf 70 bis 90 Prozent – von ausländischen Zuwendungen am Laufen gehalten. Wenn dieses Geld nicht mehr fließt, dann können beispielsweise Soldaten und Polizisten nicht mehr bezahlt werden. Die könnten sich dann andere Geldgeber suchen oder sich auf die Seite schlagen, von der angenommen wird, dass sie gewinnen wird. Dazu gibt es auch Parallelen in der jüngeren afghanischen Geschichte. 

ZEIT ONLINE: Kann es denn noch vor dem Abzug der internationalen Soldaten eine Übereinkunft zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban geben?  

Ruttig: Nein. Die Taliban haben jetzt erklärt, dass sie sich erst wieder an einer Friedenskonferenz beteiligen, wenn die Truppen vollständig abgezogen sind. Joe Biden hat den September-Termin genannt. Auch unter Biden machen die Amerikaner also, was sie wollen, nicht was Afghanistan braucht, und nehmen dabei keine Rücksicht auf die Regierung. Es besteht vielleicht eine vage Hoffnung, dass es nach dem Abzug noch einmal zu innerafghanischen Friedensverhandlungen kommt. Der Abzug dient dafür natürlich noch einmal der ohnehin starken Position der Taliban. Aber sie werden wohl auch nicht – wie vielfach befürchtet – so einfach in Kabul einmarschieren können. Jedenfalls so lange nicht, wie westliche Militär- und andere Hilfe weitergeht. Das sei ja angeblich zugesagt, meint jedenfalls Präsident Ghani.