War am Ende vielleicht Messi schuld? Oder Ronaldo? Sie seien
nur nach Ceuta geschwommen, um ihren Helden nahe zu sein, erzählten ein paar
Jugendliche verblüfften Helfern des Roten Kreuzes. Sie hätten gehört, dass die
Fußballstars gratis in der spanischen Exklave in Nordafrika aufträten. Und dass die Grenzen offen seien.
Mehr als 8.000 Migrantinnen und Migranten haben am Dienstag schwimmend, zu Fuß oder auf Luftmatratzen paddelnd von Marokko aus spanisches Territorium und damit die Europäische Union erreicht. Im Eilverfahren und aufgrund seit 1992 bestehender Rückführungsabkommen zwischen Spanien und Marokko wurden die meisten von ihnen bereits wieder abgeschoben. Doch unter den Migranten waren auch 1.500 Jugendliche und Kinder, teils nicht älter als acht Jahre. Weil sie Schutzbedürftige sind, hat Spanien für sie eine Fürsorgepflicht und darf sie nur nach Einzelfallprüfung und im Einverständnis mit den Familien zurückschicken.
Laut spanischen Medien sind viele von ihnen vor allem dem
Sog der Ereignisse gefolgt. Weil, so
zeigen es Videos im Netz,
marokkanische Grenzbeamte den Zaun geöffnet hatten. Weil die Gelegenheit für
einen Aufbruch in ein anderes Leben günstig war. Oder eben, weil drüben
angeblich weltberühmte Fußballer ihre Tricks zeigten.
"Je mehr Menschen wir retten, desto schlechter die Beziehungen"
Die vorsätzliche Vernachlässigung der Grenzposten durch Marokko hat zu einer schweren Krise zwischen den Nachbarländern gesorgt. Von "Erpressung" sprach Spaniens Verteidigungsministerin Margarita Robles. Für die spanische Regierung sind die Gründe für den Ansturm auf Ceuta offensichtlich: Seit April wird Brahim Ghali, der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung in der Westsahara, unter falschem Namen in einem spanischen Krankenhaus behandelt. Der marokkanischen Regierung, die die Westsahara als ihr Territorium betrachtet, gilt der Anführer der Frente Polisario als Terrorist, seine Aufnahme im Nachbarland als unfreundlicher Akt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Marokko seine Grenzen als politisches Druckmittel einsetzt. An der Zahl der Flüchtlingsboote, die es übers Meer nach Europa versuchen, könne man den Status der spanisch-marokkanischen Beziehungen ablesen, heißt es unter den Helfern der spanischen Seenotrettung Salvamento Marítimo: "Je mehr Menschen wir retten, desto schlechter die Beziehungen."
Bereits im vergangenen Jahr stellte die Regierung in Rabat nach einem Streit über die Territorialgewässer vor den Kanarischen Inseln den Grenzschutz ein. Tausende Boote nahmen Kurs auf die Kanaren. Es waren zunächst viele Marokkaner, die die gefährliche Reise über den Atlantik wagten, ihnen folgten Senegalesen und Menschen aus dem Bürgerkriegsland Mali.
Aber, so formuliert es der spanische Maghreb-Experte Ignacio Cembrero: "So massiv hat Marokko noch nie Druck gemacht." Es gebe deutliche Anzeichen für eine konzertierte Aktion. "8.000 Menschen versammelt man nicht so einfach innerhalb eines Tages an zwei Grenzübergängen." Cembrero hält es für möglich, dass der marokkanische Geheimdienst in den sozialen Medien gezielt Informationen über die geöffneten Grenzen gestreut habe, vielleicht sogar das Gerücht von den kickenden Superstars.