Für viele Deutsche sind die Palästinenser offenbar genau das: eine radikale Meute gesichtsloser Jugendlicher, die Israel zerstören wollen und Juden hassen. In den sozialen Netzwerken äußern sich Hobbypolitologen mit ungenierter Selbstverständlichkeit etwa dazu, dass allein die militante Hamas schuld an der aktuellen Eskalation sei. Bilder von Zivilisten, die Helfer in Gaza aus den Trümmern ziehen, sind in ihren Augen nur Propaganda der Terroristen. Menschliches Leid, das gibt es für sie nur auf israelischer Seite.
In weiten Teilen der Öffentlichkeit scheint es keinen Zweifel zu geben, welche Seite im Nahostkonflikt zu unterstützen ist. Die Haltung der Bundesregierung ist ohnehin klar: Deutschland steht zu Israel, dem alles Recht zugestanden wird, sich gegen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen zu verteidigen. Falsch ist das nicht, aber es trägt eben auch nicht dazu bei, die chronisch festsitzende Entmenschlichung von Palästinenserinnen und Palästinensern im deutschen Diskurs zu durchbrechen.
Empathie für die Palästinenser ist Mangelware. Da sind die öffentlich-rechtlichen Sender, die orientiert an der Regierungslinie allzu oft Israel als alleiniges Opfer und die Palästinenser als alleinigen Aggressor skizzieren. Oder jene Berichte, die den Konflikt wie einen Kampf zweier ebenbürtiger Gegner darstellen, obwohl das Machtverhältnis zwischen Israel und den Palästinensern zutiefst asymmetrisch ist. In der Debatte wird schnell jeder, der Israels Besatzungspolitik und Kriegsverbrechen kritisiert oder einen Palästinenser zu Wort kommen lässt, ein Israel-Hasser. Zumindest von Journalisten ist zu verlangen, dass sie die komplexe Lage differenzierter abbilden.
Viele wollen mit den Islamisten nichts zu tun haben
Denn nur so kommt auch das ganze Bild in der Öffentlichkeit an. All jene Laien, die sich nun plötzlich als "Nahostexperten" gerieren, waren sehr wahrscheinlich noch nie im Westjordanland und im Gazastreifen und haben mit Palästinensern nie selbst gesprochen. Sie kennen nur die Fotos von jungen Männern mit nacktem Oberkörper, die Steine über den Zaun auf israelische Soldaten schleudern.
Natürlich: Diese radikalen Anhänger und Vertreter der Islamisten gibt es, und ihr ideologisch verzerrter Hass ist in jeder Form zu verurteilen. Die Hamas und der Islamische Dschihad sind Terrororganisationen, die mit dem Beschuss begonnen haben und deren Angriffe durch nichts zu rechtfertigen sind. Zu verurteilen sind auch jene, die in Deutschland die Proteste der Palästinenser für ihre eigene Agenda missbrauchen und in vermeintlicher Solidarität antisemitische Hetze verbreiten. Oder sie nicht deutlich genug anprangern, wie einige linke und arabische Intellektuelle und Aktivistinnen.
Doch viele Menschen im Gazastreifen wollen mit dem Terror der Islamisten nichts zu tun haben; sie gründen Start-ups, betreiben nachhaltige Landwirtschaft oder spielen mit kriegsversehrten Armen oder Beinen Profifußball. Dort, wo Israels Bomben einschlagen, stehen eben nicht nur Waffenlager der Islamisten, sondern auch Schulen, Wohnhäuser, Cafés. Getroffen werden nicht nur Führungsmitglieder von Hamas oder Islamischem Dschihad, sondern auch Ärzte, Restaurantbetreiber, Studentinnen und Kinder. Kriege wie dieser tragen dazu bei, dass selbst solche Menschen, die eigentlich kein Problem mit Israel haben, sich nach und nach radikalisieren.
Kein Frieden ohne die Rechte der Palästinenser
Deshalb kann es im Nahen Osten keinen Frieden geben, wenn nicht auch die Rechte der Palästinenser gesichert werden. Wer das noch immer nicht versteht, sollte sich vorstellen, wie es ihm selbst dort schon in ruhigeren Zeiten ergehen würde: wie es sich anfühlt, in einem Gebiet eingesperrt zu sein, das wenige Quadratkilometer groß ist, wo Tag und Nacht israelische Drohnen über dem Kopf kreisen, es wenig Hoffnung auf einen Arbeitsplatz und ein Einkommen gibt. Wie es ist, in ständiger Angst vor den Repressalien der herrschenden Hamas zu leben.
Eigentlich ist das nicht so schwer: Man kann die Ungerechtigkeiten, die die Palästinenser in den besetzten Gebieten erleben, benennen, ohne dem israelischen Staat seine Daseinsberechtigung abzusprechen. Man kann die Islamisten im Gazastreifen für ihren Terror kritisieren, gleichzeitig aber auch die Unverhältnismäßigkeit anprangern, mit der Israels Führung den Gazastreifen angreift. Wer überzeugt davon ist, dass Menschenrechte für alle gleichermaßen gelten, darf auch nicht wegsehen, wenn die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser verletzt werden. Auch sie haben, wie die Israelis, selbstverständlich einen Anspruch darauf, unversehrt zu bleiben und selbstbestimmt und in Frieden zu leben. Viele von ihnen wollen genau das – und sie werden in diesen Tagen zu oft ausgeblendet.
Für viele Deutsche sind die Palästinenser offenbar genau das: eine radikale Meute gesichtsloser Jugendlicher, die Israel zerstören wollen und Juden hassen. In den sozialen Netzwerken äußern sich Hobbypolitologen mit ungenierter Selbstverständlichkeit etwa dazu, dass allein die militante Hamas schuld an der aktuellen Eskalation sei. Bilder von Zivilisten, die Helfer in Gaza aus den Trümmern ziehen, sind in ihren Augen nur Propaganda der Terroristen. Menschliches Leid, das gibt es für sie nur auf israelischer Seite.
In weiten Teilen der Öffentlichkeit scheint es keinen Zweifel zu geben, welche Seite im Nahostkonflikt zu unterstützen ist. Die Haltung der Bundesregierung ist ohnehin klar: Deutschland steht zu Israel, dem alles Recht zugestanden wird, sich gegen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen zu verteidigen. Falsch ist das nicht, aber es trägt eben auch nicht dazu bei, die chronisch festsitzende Entmenschlichung von Palästinenserinnen und Palästinensern im deutschen Diskurs zu durchbrechen.