Der Afghanistan-Krieg nimmt ein mehr als unrühmliches Ende. "Mission accomplished", hat Generalleutnant Erich Pfeffer, Chef des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, den abgezogenen deutschen Truppen zugerufen. Welch ein Irrtum, welch eine Irreführung! You cannot accomplish a mission impossible. Ein Krieg, den man nicht gewinnen kann, ist ein verlorener Krieg. Von "Auftrag ausgeführt" kann da keine Rede sein. Die Ehrlichkeit gebietet das Eingeständnis: Nach fast 20 Jahren hat der von den USA angeführte Westen kapituliert. Deutschland blieb nach dem Prinzip "Gemeinsam rein, gemeinsam raus" nur, die Kapitulation mitzuvollziehen.

"Die Möglichkeit des Scheiterns ist real", schrieb ich vor fast zehn Jahren nach einer meiner Recherchereisen nach Afghanistan. Dabei gewann ich einen glänzenden Eindruck von unserem Bundeswehrkontingent. Es tat unter wechselnden US-Oberkommandierenden bei ständig wechselnden Einsatzregionen und Einsatzaufträgen sein Bestes. Von den 160.000 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die oft mehrmals vier bis sechs Monate am Hindukusch Dienst taten, verloren 59 ihr Leben, davon 35 im Gefecht oder bei Anschlägen, und einige Tausend kehrten traumatisiert für immer zurück. Aber auch all die anderen hat der Afghanistan-Einsatz tief geprägt.

Am vergangenen Dienstag sind die letzten 264 Bundeswehrsoldaten nach Deutschland zurückgekehrt mit einem Trupp von KSK-Männern, die ihren Abzug in Kabul gesichert hatten. Ein 27 Tonnen schwerer Findling aus Masar-i-Scharif, ein Gedenkstein für die toten Kameraden, war schon einige Tage zuvor hergeschafft und im "Wald der Erinnerung" bei Potsdam aufgestellt worden.

Mehr als unrühmlich, nämlich schäbig, fand allerdings nicht nur ich, dass den Heimkehrenden kein würdiger Empfang bereitet wurde. Sang- und klang- und danklos lief die Rückkehr ab. Der FAZ-Herausgeber Berthold Kohler hat solche Stillosigkeit und Herzlosigkeit herbe angeprangert: "Kein Bundespräsident, keine Bundeskanzlerin, keine Verteidigungsministerin, kein Außenminister, kein Staatssekretär, keine Wehrbeauftragte, kein Abgeordneter, nicht einmal ein Landrat." Einen großen Empfang hätten sie verdient, schrieb auch Alan Posener in der Welt.

Auf jeden Fall hätte die Bundesverteidigungsministerin in Wunstorf dabei sein müssen. Der Pentagon-Chef Lloyd Austin, ein ehemaliger General, hätte gewiss Verständnis aufgebracht, wenn sie die Gespräche in Washington verschoben hätte; ihm war es eine Frage der Ehre, an die Toten zu erinnern, die in Afghanistan den höchsten Preis gezahlt hatten. So gab sie nur im Fernsehen stockend einige Banalitäten von sich, auch zu der zweiten eklatanten Unrühmlichkeit der westlichen Frontbegradigung: der gefühllosen Schnödigkeit, mit der wir die "Ortskräfte" im Stich gelassen haben.

Zwei Jahrzehnte lang haben viele afghanische Frauen und Männer unseren Truppen unentbehrliche Dienste geleistet – als Dolmetscher, Fahrer, Lagerarbeiter, Sekretärinnen oder Putzhilfen. Die Taliban haben ihnen Rache geschworen; sie müssen Vergeltung fürchten statt Vergebung, manche den Tod. Immer wieder wurde ihnen versichert, man werde sie sicher nach Deutschland bringen. Daraus ist nichts geworden; Bürokratenstreit hat es verhindert. Will man nur jene holen, die in den vergangenen zwei Jahren für uns gearbeitet haben, oder alle, die seit 2013 dabei waren (von der früheren Zeit spricht ja schon niemand mehr)? Mitarbeiter aller Ministerien oder nur des Verteidigungsministeriums? Annegret Kramp-Karrenbauer kämpfte nach eigenem Einverständnis bloß darum, 350 einheimischen Helfern durch ein vereinfachtes Verfahren die Ausreise zu ermöglichen. Geschafft hat es von ihnen niemand mehr. Auch nicht die 2.400 Ortskräfte, die in den vergangenen Wochen noch Visa erhielten (und ihren Flug selbst zahlen sollten!). Die Bundeswehr ist weg, sie sind alle noch da.

Von den vielen Afghaninnen will ich gar nicht sprechen, die sich in den Städten frei haben entfalten können und die nun angesichts der heraufdräuenden Taliban-Herrschaft wieder schlimme Zukunftsängste plagen. Wo bleibt da der Aufschrei unserer Feministinnen? Ist ihnen die gendergerechte Sprachverschandelung wichtiger als großangelegte Hilfe – Ausreisehilfe! – für ihre Geschlechtsgenossinnen am Hindukusch?

Das Scheitern in Afghanistan wirft drei gewichtige Fragen auf.

Erstens: Gibt es irgendein Maß an realistischer Unterstützung, das einen afghanischen Bürgerkrieg und einen Sieg der Taliban verhindern kann? Nach dem Abzug der Sowjets aus ihrem zehnjährigen Afghanistan-Krieg im Jahre 1989 konnte sich das von Moskau gestützte Nadschibullah-Regime keine vier Jahre mehr halten. Wird sich die Geschichte nun auf westlicher Seite wiederholen?

Zweitens: Welche Lehren sind aus dem afghanischen Desaster für unser militärisches Engagement in Mali zu ziehen? Brechen wir es ab, da es genauso hoffnungslos ist? Oder unterstützen wir das korrupte Militärregime weiter – aus Ratlosigkeit oder um an der Schwelle zum Afrika südlich der Sahara eine Migrationsmauer zu errichten?

Drittens: Wie realistisch ist unser ständig beschworenes Streben nach Übernahme weltpolitischer Verantwortung angesichts unserer mageren militärischen Möglichkeiten und der ernüchternden Erfahrung mit nation building in Afghanistan?

Diese drei Fragen verdienen je eine eigene Kolumne, und ich will mich ihnen demnächst widmen. Zum Thema weltpolitische Verantwortung möchte ich aber schon einmal meinen Leitsatz zitieren. Er stammt von John Quincy Adams, dem sechsten US-Präsidenten (1825–29). Ich halte ihn für beherzigenswert, auch heute und auch für Deutschland: "Wo immer das Banner der Freiheit entrollt worden ist, da wird Amerikas Herz sein, werden seine Segenswünsche und Gebete sein. But she goes not abroad in search of monsters to destroy" – aber die USA gehen nicht ins Ausland auf der Suche nach Ungeheuern zum Totschlagen.