Der heimliche Angriff beginnt in aller Frühe. Aber Szabolcs Panyi, der Mann, dem die Attacke gilt, bemerkt sie nicht. Der Reporter hat an diesem Donnerstagmorgen im April 2019 keine Termine, er schläft noch, als die Angreifer um kurz nach halb acht schon am Ziel sind: Sein iPhone ist für sie jetzt ein offenes Buch, das all seine Geheimnisse mit ihnen teilt. Es ist eine Kamera, die sie für ihre Zwecke nutzen können. Es ist ein Mikrofon, das sich nach Belieben an- und ausschalten lässt.

Szabolcs Panyi ist Investigativjournalist, preisgekrönter Redakteur der Rechercheplattform Direkt36. Seine Angreifer haben mithilfe der Cyberwaffe Pegasus, einer Software des Unternehmens NSO, das Mobiltelefon des Reporters aufgebohrt. Seine gesamte Kommunikation steht ihnen nun offen – Telefonate ebenso wie verschlüsselte Nachrichten. Nichts davon ist für Panyi von außen sichtbar oder erkennbar, als er aufsteht. Panyi kocht sich einen Kaffee und startet in einen scheinbar gewöhnlichen Arbeitstag.

Erst zwei Jahre später, im Frühjahr 2021, wird der 35-Jährige erfahren, dass er ausspioniert wurde: als einem internationalen Journalistenkonsortium unter Leitung der gemeinnützigen Organisation Forbidden Stories Telefonnummern aus einem Datenleak zugespielt werden. Diese Telefonnummern wurden von Kunden des Unternehmens NSO als potenzielle Ziele für die Pegasus-Überwachung ausgewählt. Darunter ist eine Liste mit ungarischen Telefonanschlüssen. Eine der Handynummern auf dieser Liste führt zu Szabolcs Panyis iPhone.

Das Journalistenkonsortium, zu dem auch die ZEIT gehört, kontaktierte Panyi nach Erhalt des Datenleaks über verschlüsselte Kanäle. Der Reporter ließ sein iPhone daraufhin im Security Lab der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) untersuchen. Die digitale Spurensicherung auf seinem Gerät bestätigte nach Einschätzung der Cyberexperten, dass Panyis iPhone mit Pegasus infiziert war. Ihre Analyse macht es sogar möglich, den zeitlichen Verlauf der Überwachung grob nachzuvollziehen. Mehr als ein halbes Jahr lang, von Anfang April bis in den späten Herbst hinein, hinterließ Pegasus Spuren auf seinem Handy.

Pegasus - So können Staaten nahezu jedes Mobiltelefon weltweit hacken Die Cyberwaffe Pegasus greift Smartphones über Sicherheitslücken unbemerkt an. Wer die Ziele sind und warum eine Gegenwehr mittlerweile zwecklos ist. Ein Erklärvideo © Foto: Nicolás Grone

Pegasus wird von dem israelischen Cyberunternehmen NSO an Polizeibehörden und Geheimdienste in aller Welt verkauft – für die Jagd auf Terroristen oder Verbrecher. Doch Szabolcs Panyi ist nichts von beidem. Der Journalist hat als Fulbright-Stipendiat ein Jahr lang investigativen Journalismus in den USA studiert. Seit 2018 ist er Redakteur des gemeinnützigen Onlinemediums Direkt36. Sein Spezialgebiet sind internationale Sicherheitsthemen: Waffenhandel, Spionage, Finanzgeschäfte. Panyi gilt als einer der hartnäckigsten jungen Rechercheure des Landes. Machte ihn das zum Ziel der Überwachung? Und wer hat diese Überwachung überhaupt zu verantworten? NSO jedenfalls erklärte auf Nachfrage, dass es keinen "Zugang zu den Daten der Zielpersonen seiner Kunden" habe und nicht wisse, welche Personen durch die Kunden überwacht würden, die mit Pegasus beliefert wurden.

In der Vergangenheit waren bereits notorisch skrupellose Regierungen wie die mexikanische von kanadischen IT-Sicherheitsforschern dabei erwischt worden, die mächtige Cyberwaffe Pegasus zu missbrauchen. Der Fall Panyi belegt nun erstmals, dass der globale Skandal um das NSO-Produkt bis in die Europäische Union reicht. Es handelt sich auch nicht um einen Einzelfall: Neben den Anschlüssen mehrerer ungarischer Krimineller, für deren Beobachtung Pegasus gedacht ist, finden sich mindestens fünf Nummern ungarischer Journalisten, die nach den geleakten Daten für eine mögliche Überwachung ausgewählt wurden. Außerdem der Anschluss eines der letzten unabhängigen Medienunternehmer Ungarns, der als Kritiker der Regierungspolitik von Ministerpräsident Viktor Orbán bekannt ist.

Es gibt keinen finalen Beweis dafür, dass die ungarische Regierung die Spionagewaffe gegen Journalisten eingesetzt hat. Aber die Recherche des Pegasus Project, an der neben der ZEIT 16 weitere Medien aus zehn Ländern mitgewirkt haben, legt die Vermutung nahe. Zum Ersten, weil NSO nur an staatliche Behörden verkauft. Zum Zweiten, weil Ungarn Kunde von NSO war, wie ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens der ZEIT bestätigten. Zum Dritten, weil es keinen anderen plausiblen Verdächtigen gibt. Und nicht zuletzt, weil die zeitlichen Umstände der rekonstruierbaren Spähattacken darauf hindeuten. Damit steht der Verdacht im Raum, dass Ungarn die Cyberwaffe nicht nur zur Verbrechensbekämpfung und Terroristenjagd eingesetzt hat, sondern auch für einen Anschlag auf die Pressefreiheit. Mutmaßlich mit dem Ziel, potenziellen Kritikern und Aufklärern einen Schritt voraus zu sein und so die Macht der Regierung zu stützen. Die ungarische Regierung ging auf Nachfrage nicht im Detail auf die Vorwürfe ein, das Büro des Ministerpräsidenten teilte lediglich mit, Ungarn halte sich an Recht und Gesetz. Die "Datensammlung" sei ihr nicht bekannt.