Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Abschreckungswaffen der Atommacht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen lassen. "Ich weise den Verteidigungsminister und den Generalstabschef an, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft zu versetzen", sagte Putin in einem im Fernsehen übertragenen Gespräch mit hochrangigen Militärvertretern.

Die russischen "Abschreckungskräfte" umfassen neben einem Arsenal ballistischer Raketen auch Atomwaffen – diese nannte Putin allerdings nicht explizit.

Putin begründete den Schritt mit dem aus seiner Sicht aggressiven Verhalten der Nato und den Wirtschaftssanktionen. "Wie Sie sehen können, ergreifen die westlichen Länder nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht unfreundliche Maßnahmen gegen unser Land", sagte Putin im staatlichen TV. "Ich meine die illegalen Sanktionen, die jeder sehr gut kennt." 

Zudem erlaubten sich Spitzenvertreter der führenden Nato-Länder auch "aggressive Äußerungen gegenüber unserem Land". Die USA, Japan und die EU wollen bestimmte russische Banken als Konsequenz aus Russlands Einmarsch in die Ukraine vom Zahlungssystem Swift ausschließen. Außerdem soll es weitere Sanktionen gegen Russland geben.

Drohung mit Verweis auf Nuklearwaffen bereits zu Beginn des Einmarschs

Putin bediene sich "gefährlicher Rhetorik", kritisierte Nato-Generalsekretär Stoltenberg im US-TV-Sender CNN. "Das ist ein Verhalten, das unverantwortlich ist." Die Ankündigung unterstreiche den Ernst der gegenwärtigen Situation. Zu einer möglichen Reaktion der Nato machte Stoltenberg zunächst keine Angaben. Automatismen für einen solchen Fall gibt es nach Bündnisangaben nicht. Nato-Entscheidungen müssen von allen 30 Mitgliedstaaten im Konsens getroffen werden.

Nach Ansicht des Weißen Hauses zeigt Putins Ankündigung das "Muster" des russischen Präsidenten, "Bedrohungen zu fabrizieren". Er wolle damit sein weiteres kriegerisches Vorgehen rechtfertigen, sagte US-Präsident Joe Bidens Sprecherin, Jen Psaki, dem TV-Sender ABC. "Russland ist zu keinem Zeitpunkt von der Nato bedroht worden oder von der Ukraine bedroht worden", sagte Psaki weiter. "Wir haben die Fähigkeiten, uns zu verteidigen", betonte sie. Die Sprecherin sagte zudem, die USA seien bereit, bei einer Zuspitzung des Konflikts weitere Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

Ukraine wertet Putins Ankündigung als Druckmittel

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sieht Putins Anweisung als Druckmittel gegen die Ukraine. "Wir sehen diese Ankündigung als Versuch, zusätzlichen Druck auf die ukrainische Delegation auszuüben", sagte Kuleba. Er bezog sich damit auf Verhandlungen zwischen Russland und die Ukraine, die noch am Sonntag beginnen sollten. "Aber wir werden diesem Druck nicht nachgeben."

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri teilte nach Putins Rede mit, dass es nicht damit rechne, dass der Krieg in der Ukraine zum Einsatz von nuklearen Waffen führen wird. "Ich glaube nicht, dass ein Atomkrieg eine wahrscheinliche Folge dieser Krise ist", sagte Sipri-Direktor Dan Smith der Nachrichtenagentur dpa. "Wenn Atomwaffen existieren, dann gibt es aber leider natürlich immer diese kleine Möglichkeit. Und das wäre katastrophal."

Russland hatte am Donnerstag mit einem Großangriff auf die Ukraine begonnen. Russische Bodentruppen waren anschließend binnen weniger Stunden bis in den Großraum Kiew vorgedrungen, stießen bei ihrem Vormarsch aber auf heftigen Widerstand der Ukrainer. Am Samstag ordnete Russland eine Ausweitung seines Krieges in der Ukraine an.

Zu Beginn des Einmarschs hatte Putin davor gewarnt, gegen Russland Aggressionen zu üben. Er drohte mit den härtesten Konsequenzen und betonte, Russland sei heute eine "der mächtigsten Nuklearmächte der Welt". Putin hatte am 19. Februar auch eine großangelegte Übung der nuklearen Streitkräfte abgehalten. Dabei kamen Waffen ohne Atomsprengköpfe zum Einsatz.

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