Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat vor dem US-Kongress um mehr Unterstützung gebeten. In einer Videoansprache vor beiden Kongresskammern forderte er erneut die Einführung und Durchsetzung einer Flugverbotszone über der Ukraine. Der Himmel sei zu einer "Quelle des Todes für Tausende Menschen" geworden, sagte Selenskyj über russische Luftschläge gegen Zivilisten. Alternativ bat Selenskyj, der Ukraine Kampfflugzeuge und Flugabwehrsysteme zu liefern. Wenige Stunden später bekräftigte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, eine Flugverbotszone werde es wie auch zuvor angekündigt nicht geben. Die Gefahr eines direkten Krieges der Nato-Mitglieder gegen Russland sei zu hoch, sagte er nach einem Sondertreffen der Nato-Verteidigungsminister.

Der Vormarsch russischer Truppen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew ist indessen nach ukrainischen Angaben vorerst gestoppt. Das ukrainische Militär sei zu kleineren Gegenoffensiven übergegangen, sagte Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch. Auch in anderen Teilen des Landes leiste es heftigen Widerstand. Die ukrainische Seite berichtete zudem von weiteren Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Am Morgen hätten russische Soldaten in Tschernihiw mindestens zehn Zivilisten getötet, teilte die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mit. Die Kämpfer sollen die Menschen beschossen haben, als diese vor einem Lebensmittelladen anstanden. In Mariupol sollen die Invasoren ein Theater bombardiert haben, in dem zahlreiche Zivilisten Zuflucht gesucht haben sollen.

Nach Angaben des Stadtrats der belagerten Küstenstadt Mariupol haben russische Truppen ein Theater bombardiert, das zuletzt als Schutzraum gedient habe. Am Nachmittag habe es mehrere russische Raketenangriffe auf die Stadt gegeben, auch ein Konvoi von Geflüchteten soll beschossen worden sei. Aus der belagerten Küstenstadt östlich der Krim konnten laut ukrainischem Präsidentenbüro 20.000 Menschen entkommen, 300.000 Einwohner seien weiter ohne Wasser, Strom oder Lebensmittelnachschub in der Stadt eingeschlossen. Auch im nördlicher gelegenen Saporischschja seien Zivilisten unter Raketenbeschuss geraten. Die Stadt war bislang ein vergleichsweise sicherer Anlaufpunkt für Geflüchtete aus Mariupol.

In den Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zeichnen sich nach Angaben beider Seiten erste Ergebnisse ab. Nach Angaben des ukrainischen Verhandlungsführers Mychailo Podoljak werde ein Modell rechtsverbindlicher Sicherheitsgarantien für die Ukraine diskutiert. Präsident Selenskyj fordert ebenfalls verlässliche Sicherheitszusagen. Im Gegenzug wäre die Ukraine bereit, auf eine Nato-Mitgliedschaft zu verzichten. Der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski sprach ebenfalls von einem neutralen Status des Landes, das in diesem Fall aus Moskauer Sicht nicht "entmilitarisiert" werden müsse. Bislang ist dies eine Kernforderung des Kreml. Einem Bericht der Financial Times zufolge erarbeiteten die Delegationen einen 15-Punkte-Plan, in dem aber keine territorialen Streitfragen adressiert würden. Die ukrainische Seite befürchte zudem, Russland wolle nicht ernsthaft verhandeln, sondern nur Zeit für eine Umgruppierung seiner Truppen gewinnen.

Die weiteren Ereignisse des Tages im Überblick:

  • Der Europarat hat Russland endgültig ausgeschlossen, wie das Ministerkomitee der Organisation mitteilte. Die Entscheidung wurde in geheimer Sitzung getroffen, wie groß die Unterstützung für den Ausschluss war, ist nicht bekannt. Russland hatte am Dienstag seinen Rückzug aus dem Gremium angekündigt.
  • Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat einer Klage gegen Russland stattgegeben. Das Land müsse den Krieg gegen die Ukraine sofort beenden, teilten die Richterinnen und Richter mit. Das Gericht hatte schon zuvor Ermittlungen wegen möglicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet.
  • Wladimir Putin hat dem Westen vorgeworfen, Russland "zerschlagen" zu wollen. Hierfür sei die Ukraine eingespannt worden, sodass die "militärische Spezialoperation" alternativlos gewesen sei. In einer Fernsehansprache wiederholte er seine Forderungen nach einer "Entmilitarisierung" und "Entnazifizierung" des Landes.
  • Norwegen will im Sommer mehr Erdgas in andere europäische Länder liefern. Damit solle die Abhängigkeit von Russland reduziert werden. Nach Russland ist der Staat Deutschlands zweitgrößter Energielieferant und deckt etwa 30 Prozent des deutschen Gasbedarfs.
  • Die Nato will ihre Präsenz in östlichen Mitgliedsländern erhöhen. Laut Generalsekretär Stoltenberg haben die Nato-Staaten ihre Militärführungen mit der Ausarbeitung konkreter Pläne beauftragt. Ende Juni könne eine Verstärkung der See-, Luft- und Bodentruppen in der Region auf einem Nato-Gipfel beschlossen werden. Einige der als geheim eingestuften Vorschläge verstoßen Diplomaten zufolge gegen die Nato-Russland-Grundakte, deren Gültigkeit das Militärbündnis nach dem Überfall auf die Ukraine anzweifelt.
  • Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat einen mutmaßlichen Vermittlungsversuch des Altkanzlers Gerhard Schröder in Moskau für gescheitert erklärt. Schröder war vor einer Woche mutmaßlich zu Gesprächen mit Putin in die russische Hauptstadt gereist, Melnyk nannte das ergebnislose Gespräch ein "Trauerspiel".
  • Der US-Senat fordert in einer Resolution Ermittlungen gegen Putin wegen Kriegsverbrechen. Der weitgehend symbolische Entwurf wurde ohne Gegenstimmen angenommen. Selenskyj hatte in den vergangenen Wochen von der US-Regierung gefordert, Putin als Kriegsverbrecher einzustufen.
  • Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind mehr als drei Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Mit 1,8 Millionen hat Polen die meisten Menschen aufgenommen, in Deutschland registrierte die Bundespolizei 175.000 Geflüchtete.

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