Tote Körper liegen auf den Straßen, manchen sind die Arme hinter dem Rücken gefesselt, Zerstörung überall: Es sind grauenhafte Bilder, die aus dem Gebiet nördlich von Kiew um die Welt gehen. Nachdem die russischen Truppen sich aus der Nordukraine weitgehend zurückgezogen haben, decken die ukrainischen Verteidiger Taten auf, die systematische Kriegsverbrechen durch die Angreifer vermuten lassen.

Betroffen ist vor allem die Bevölkerung in der Kleinstadt Butscha bei Kiew. Zwar können nicht alle berichteten Einzelheiten unabhängig bestätigt werden, doch deuten mehrere übereinstimmende Berichte darauf hin, dass hier zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Viele von ihnen seien von russischen Soldaten erschossen worden, twitterte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. "Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar."

Zu den Taten kursiert im Internet seit Samstagabend eine große Zahl zum Teil extrem expliziter und erschütternder Aufnahmen. ZEIT ONLINE verzichtet im Folgenden bewusst darauf, auf die Aufnahmen zu verlinken. Auf einem Foto, das Podoljak in seinem Tweet teilte, waren leblose Männerkörper zu sehen. Das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlichte ein Video, in dem ukrainische Soldaten durch Butscha fahren sollen, auf den Straßen sind zahlreiche leblose Körper zu sehen.

"Alle diese Menschen wurden erschossen", sagte der Bürgermeister von Butscha, Anatoly Fedoruk. Die Straßen der Kleinstadt seien mit Leichen übersät. Es stünden Autos herum, in denen "ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer". Nach Angaben des Bürgermeisters mussten 280 Menschen in Butscha in Massengräbern beigesetzt werden, da die drei städtischen Friedhöfe zunächst noch in Reichweite des russischen Militärs lagen.

Zwar ist es schwierig, diese Zahl und andere Details zu verifizieren. Dass Leichen auf den Straßen von Butscha lagen, ist jedoch klar: Reporter der Nachrichtenagenturen Reuters und AFP bestätigten das übereinstimmend. Die AFP berichtete von mindestens 20 Toten in ziviler Kleidung in einer einzigen Straße. Auch in einem Video des britischen Senders BBC sind mehrere leblose Körper auf der Straße zu sehen. Die Kiew-Korrespondentin des britischen Guardian schrieb, zahlreiche Augenzeugenberichte bestätigten die verbreiteten Bilder. 

Offenbar viele Gebiete vermint

Dass die Toten nun gefunden werden, liegt daran, dass die ukrainische Armee Butscha zurückerobert hat. Gut fünf Wochen nach dem russischen Einmarsch haben die ukrainischen Kräfte nach eigenen Angaben wieder die volle militärische Kontrolle über die Region um die Hauptstadt Kiew erlangt. "Irpin, Butscha und Hostomel und das gesamte Gebiet Kiew – vom Feind befreit", zitierte das ukrainische Verteidigungsministerium die stellvertretende Verteidigungsministerin Anna Maljar am Samstagabend auf Twitter. Im Video der BBC sind zahlreiche zerstörte Panzer zu sehen. "Sie hatten keine Ahnung, was die Ukrainer ihnen entgegenzusetzen hatten", schlussfolgert der Reporter Jeremy Bowen. 

Die russischen Truppen hatten sich bereits in den vergangenen Tagen aus den nordwestlich von Kiew gelegenen Vororten Irpin und Butscha zurückgezogen, nachdem ihr Versuch, die ukrainische Hauptstadt einzukesseln, gescheitert war. Russland hatte zuletzt angekündigt, sein militärisches Vorgehen auf den Osten und Süden konzentrieren zu wollen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte, die Russen hätten die Gebiete vor ihrem Abzug vermint. Der ukrainische Rettungsdienst teilte mit, dass bei einer Durchsuchung des Dorfes Dmytriwka mehr als 1.500 Sprengkörper gefunden worden seien. Das russische Verteidigungsministerium antwortete nicht auf eine Anfrage zu diesen Angaben.