Sie will die erste sein. Marine Le Pen will Präsidentin Frankreichs werden. Die erste Frau im höchsten Amt des Staates. Eine Präsidentin sei "eine Revolution", die Zeit dafür reif, wirbt die Rechtspopulistin seit Monaten im französischen Wahlkampf vor allem um die Wählerinnenstimmen. Ihr Versprechen: Käme sie an die Regierung, würden sich alle Ministerien um die Gleichstellung kümmern. Sie verkauft sich als Präsidentschaftskandidatin, die viel näher dran ist am wirklichen Leben der Wählerinnen als ihr Konkurrent und Amtsinhaber Emmanuel Macron. Politikerinnen, so das Narrativ, würden den Alltag ihres Volkes kennen, die Defizite an Schulen, die Sorgen bei der Pflege von Hilfsbedürftigen.  

Le Pens Strategie war zumindest im ersten Durchgang zur Präsidentschaftswahl erfolgreich: Die 23,1 Prozent, die sie auf Platz zwei in die Stichwahl am 24. April einziehen ließen, sind mehrheitlich weiblich. Sowohl Macron (der im ersten Wahlgang 27,8 Prozent der Wählerstimmen erhielt) als auch Le Pen haben je ein Prozent mehr Frauen als Männer von sich überzeugt. Damit hat Le Pen die patriarchale Partei ihres Vaters, Jean-Marie Le Pen, die einst vor allem von Männern gewählt wurde, nicht nur umbenannt von Front National in Rassemblement National – sie hat sie auch für Frauen wählbar gemacht. Auch wenn für das Votum nach wie vor nicht das Geschlecht der Wählenden, sondern die finanzielle und berufliche Situation ausschlaggebend ist: Macron konnte mehrheitlich Rentnerinnen und Rentner und Besserverdienende überzeugen, Le Pen hingegen mehr Arbeiterinnen und Arbeiter und Geringverdiener.

Ein Brief an die Wählerinnen

Le Pen wendet sich vornehmlich an Alleinerziehende, die auch in Frankreich zu den Ärmsten gehören, betont immer wieder, selbst drei Kinder ohne den Vater groß gezogen zu haben. Am Frauentag, dem 8. März, veröffentlichte Le Pen einen offenen Brief an alle wahlberechtigten Frauen: "Ich kämpfe schon immer dafür, dass Frauen den wohl verdienten Platz in der Gesellschaft einnehmen können", schreibt sie ihnen. In ihrem Wahlprogramm verspricht sie, die Hilfen für alleinerziehende Französinnen zu verdoppeln und gegen sexuelle Belästigung auf der Straße kämpfen, sodass Frauen "zu jeder Tages- und Nachtzeit unbehelligt und gekleidet wie sie wollen spazieren gehen können". Zudem würden – mit ihr als Präsidentin – alle Verhütungsmittel von der Krankenkasse bezahlt.

"Le Pen als Feministin – wenn dieses Image politisch nicht so gefährlich wäre, könnten wir über diesen schlechten Scherz lachen", sagt Lucie Daniel von Equipop, einer Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit für die Rechte von Frauen einsetzt. "Wer am Lack kratzt, sieht immer noch ein sexistisches, patriarchales System – zusätzlich zu ihrem Rassismus gegenüber allen nicht französischen Frauen." In ihrem Programm fehlten klare Gesetze zur Gleichberechtigung, die Abgeordneten ihrer Partei klopften häufig misogyne Sprüche. Für Daniel ist vor allem der Blick über Frankreich hinaus erhellend. "Le Pens beste Freunde waren lange Zeit Wladimir Putin, Viktor Orbán und Donald Trump, die bekanntlich für progressive Gesetze zur Gleichstellung und für Frauen insgesamt nur Verachtung übrighaben." Auch Le Pen verunglimpfte einst die Frauenbewegung, Protagonistinnen der #MeToo-Kampagne seien "Männerhasser", deren Beschuldigungen "ungerecht gegenüber den Männern", da sie diese grundsätzlich als "Gewalttäter und Vergewaltiger" bezeichneten.  

Frauenrechte bei Le Pen nicht im Vordergrund

Auch ein Blick auf das Abstimmungsverhalten von Le Pen während ihrer Zeiten als Abgeordnete im französischen und im Europäischen Parlament ist aufschlussreich. So stimmte die Rechtspopulistin 2011 gegen ein Gesetz der Pariser Nationalversammlung, das die gleichberechtigte Besetzung von Verwaltungs- und Aufsichtsräten festschrieb, ebenso gegen die strikte Parität auf Wählerlisten in Frankreich. "Ich glaube, heute brauchen wir diese Dinge nicht mehr", sagt sie nun, obwohl auch in Frankreich noch immer die Räte der großen Konzerne und auch viele aussichtsreiche Wahlkreise mehrheitlich mit Männern besetzt sind.

Die Abgeordneten ihrer Partei stimmen im Europaparlament systematisch gegen fortschrittliche Gesetze in der Europäischen Union, etwa gegen die Istanbuler Konvention, die Frauen vor allen Formen von Gewalt schützen soll, gegen einen Mindesturlaub nach der Geburt eines Kindes in der gesamten EU, gegen ein Gesetz, das Stereotype über Frauen und Männer in den Medien beobachten und verändern sollte. Ein früherer Abgeordneter des Front National vor seiner Umbenennung bezeichnete einen legalen Schwangerschaftsabbruch als "Massenvernichtungswaffe gegen die europäische Bevölkerung". Auf ihre Abstimmungen im Europaparlament, dem Le Pen von 2004 bis 2017 angehörte, angesprochen, sagt sie, die Projekte seien gespickt gewesen mit "Hilfen für Ausländer" – deswegen habe man ihnen nicht zustimmen können.  

Angesichts dieses unverhohlenen Rassismus lobt Frauenrechtlerin Lucie Daniel die fortschrittliche feministische Außenpolitik von Amtsinhaber Macron, mit der beispielsweise internationale Projekte zur sexuellen Selbstbestimmung ermöglicht worden seien. Kritik übt sie an seinem geringen Interesse für die Gleichberechtigung im eigenen Land. "Er hat die Gleichstellung zum großen Ziel erklärt – und am Ende nur 0,25 Prozent des Budgets dafür bereitgestellt." Dies zeige, dass auch Macron meilenweit davon entfernt sei, das Thema ernst zu nehmen. So habe er es nicht geschafft, die Anzahl der Opfer von Partnerschaftsgewalt zu verringern.