Es mutet an wie aus einem früheren Jahrhundert: In den USA landen mehr Bücher denn je auf dem Index. 1.597 Werke zählte die American Library Association, der Verband der Bibliotheken, im vergangenen Jahr, die auf Wunsch von Eltern oder – meist konservativen – Aktivisten aus den Regalen von Schulbibliotheken und kommunalen Leihbüchereien fliegen sollten. So viele waren es noch nie, seit der Verband diese Statistik erhebt. 

Darunter Bücher der Schwarzen US-amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison, aber auch Maus, Art Spiegelmans Graphic Novel über den Holocaust, die einst den Pulitzer-Preis gewonnen hat. Ein großer Teil dieser sogenannten Banned Books sind Werke von Angehörigen von Minderheiten, darunter Out of Darkness über die Romanze zwischen einem Schwarzen Teenager und einem mexikanisch-amerikanischen Mädchen.  

Vornehmlich aber geraten Bücher ins Visier der Möchtegernzensoren, die sich mit den Erfahrungen von LGBTQ+-Jugendlichen beschäftigten oder von LGBTQ+-Autoren und -Autorinnen geschrieben wurden, also lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, queeren oder Jugendlichen anderer sexueller Orientierung oder Geschlechteridentifikation.

Das Buch, gegen das die meisten Verbotsgesuche eingereicht wurden, war Gender Queer: A Memoir von Maia Kobabe, das die Erfahrungen von nicht binären Heranwachsenden beschreibt, die sich nicht der Einteilung in weiblich oder männlich unterordnen wollen. Auch Henry McMaster, der Gouverneur von South Carolina, zitierte Kobabes Memoiren und forderte eine Untersuchung von "obszönem und pornografischen" Lernmaterial an Schulen seines Bundesstaates. Wie McMaster haben viele Republikaner den Bücherstreit als fruchtbares Wahlkampfthema für sich entdeckt.

Republikaner hoffen auf Wählerstimmen durch Kulturkampf

Vorgemacht hat es Glenn Youngkin, der vergangenes Jahr nicht zuletzt mit der von ihm inszenierten Kontroverse über Leselisten in den öffentlichen Schulen überraschend die Gouverneurswahlen in Virginia gewann (Sein zweites Aufregerthema war die Maskenpflicht an Schulen.). In einem seiner Wahlkampfvideos ist eine blonde Frau zu sehen, die vor dem heimischen Kaminfeuer buchstäbliche ihre Hände ringt und sich über das "explizite" Lesematerial ihres Sohnes beschwert. Als sie die Pflichtlektüre Volksvertretern gezeigt habe, sei denen darüber die Schamesröte ins Gesicht gestiegen. 

Es dauerte nicht lang, bis herauskam, dass der betreffende Sohn inzwischen Anwalt, 27 Jahre alt und für Youngkins Partei im Kongress tätig ist. Das Werk, das der Mutter und ihrem Sprössling angeblich so zusetzte: Beloved von Toni Morrison. Es beschreibt in der Tat Schreckliches und für das Land Beschämendes, nämlich das Schicksal einer Schwarzen Sklavin. Angeblich geht es den Politikern darum, die Elternrechte zu wahren.  

Doch der Kulturkampf wird nicht zufällig so angeheizt, denn im Herbst sind die Kongresswahlen und die Republikaner ziehen alle Register, um in Washington eine möglichst große Mehrheit im Repräsentantenhaus als auch im Senat zu erhalten. Dann wäre Präsident Biden endgültig eine "lahme Ente" für die verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit. Die Wahl im November sei aber eigentlich gar keine demokratische Abstimmung, sondern ein moralisches Referendum, bei dem es um die Kinder gehe. "Kinderreferenda", wie es Elizabeth Bruenig im The Atlantic nannte.

Gesetz soll Reden über sexuelle Orientierung im Unterricht verbieten

Es hilft den Demokraten nicht, dass sich viele Eltern im Chaos der Pandemie von Schulbehörden wie Politikern alleingelassen fühlten. Die Demokraten sehen sich stärker in der Defensive, weil in den von ihnen regierten Bundesstaaten und Kommunen Schulschließungen und Maskenpflicht weit stringenter und verbreiteter waren. So konnte sich Phil Murphy, Gouverneur von New Jersey, dessen Wiederwahl eigentlich als sicher galt, vergangenes Jahr nur mit knappster Mehrheit im Amt halten

Kein Wunder, dass Ron DeSantis, der als möglicher Rivale von Donald Trump für die Präsidentschaftswahl 2024 gehandelt wird, auch auf das Thema Kinder setzt. Er hat Ende März ein Gesetz verabschiedet, dass es Lehrern verbietet, im Unterricht über Geschlechteridentifikation und sexuelle Orientierung zu sprechen. Kritiker tauften das Verbot Don’t-Say-Gay-Gesetz, das "Sag nicht schwul"- Gesetz. Sie fürchten, dass DeSantis Erlass der Diskriminierung und dem Mobbing von LGBTQ+ Kindern und Jugendlichen Vorschub leisten könnte.

Aktivisten setzten auch den Disney-Konzern unter Druck, der in Florida inzwischen 80.000 Mitarbeiter beschäftigt, beim Gouverneur gegen den Maulkorb für Lehrer zu intervenieren. DeSantis ergriff die Gelegenheit, um nun seinerseits Disney mit dem Entzug von Steuervorteilen zu drohen. Auch Ted Cruz, ebenfalls ein möglicher Präsidentschaftskandidat für die Republikaner, wollte da offenbar nicht zurückstehen. Bald zeige Disney, wie Mickey Mouse und Pluto Sex hätten. Den Ausdruck, den der amerikanische Senator dafür verwendete, kann ich hier nicht verwenden. 

Ein Gutes hat das bigotte Gezerre um das angebliche Kindeswohl: Das Interesse gerade für die Banned Books steigt. Sowohl die Verkaufszahlen für Beloved als auch für Maus sind gestiegen. Immerhin etwas, das Autoren und Bibliothekare freuen dürfte. Und auch nach wie vor die meisten Eltern.