Die Sorge um den nächsten Winter könnte in Deutschland und Frankreich zurzeit kaum unterschiedlich groß ausfallen: Während sich die einen große Sorgen um eine kalte Saison machen, viele Haushalte gar Holz hamstern oder Elektroheizungen kaufen, fürchtet sich kaum ein Franzose vor einem kalten Wohnzimmer. Auch die französische Regierung gibt die Parole aus: Einen Stromausfall wird es im kommenden Winter nicht geben. Und damit seien auch warme Wohnungen gesichert. Denn so wie deutsche Haushalte überwiegend mit Gas heizen, wärmt sich die Mehrheit der französischen an elektrischen Radiatoren.

Dabei hat kaum ein Land so große Probleme, ausreichend eigenen Strom zu produzieren, wie Frankreich – und das unabhängig vom Krieg in der Ukraine. Knapp 70 Prozent des Stroms stammen aus Atomkraftwerken (AKW), aber mehr als die Hälfte der 56 französischen Meiler ist gerade nicht in Betrieb. Nur ein einziges, das im zentralfranzösischen Saint-Laurent, liefert annähernd die volle Leistung. Einige Anlagen müssen turnusmäßig gewartet werden, andere stehen still, weil es Rostprobleme an sensiblen Bereichen gibt. Zu diesen technischen Problemen kommt nun auch noch die Dürre hinzu, die das dringend notwendige Kühlwasser aus den Flüssen verknappt. Um die AKW dennoch laufen zu lassen, hat die Atomaufsichtsbehörde sogar die Grenzwerte nach oben angepasst, ein weiteres Zeichen dafür, wie dringend jede Kilowattstunde zurzeit benötigt wird: Einzelne AKW durften in den letzten Wochen die Rhône und die Seine um ihre Werke herum "ausnahmsweise" um einige Grad mehr aufheizen. Und für die kommenden Tage ist schon die dritte Hitzewelle des Sommers mit Temperaturen bis zu 38 Grad gerade in den AKW-reichen Flusstälern vorhergesagt. 

"Das Problemkind Europas bei der Stromversorgung ist eindeutig Frankreich", sagt Bruno Burger, Energieexperte am Freiburger Fraunhofer Institut. Der französische Dauer-Import sei erst einmal eine schlechte Nachricht für Deutschland, weil grundsätzlich das europäische Angebot sinkt – und das bedeutet für den Endkunden langfristig höhere Strompreise. "Frankreich importiert seit Jahren mehr Strom aus Deutschland, als dass es exportiert." Burger wertet auf der Seite energy-charts.info die täglichen Importe und Exporte europäischer Länder aus. Er beruft sich dabei auf Daten der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E, die wiederum Daten der Börsen beziehen. Seine Graphen zeigen, dass Frankreich mindestens seit 2015 mehr Strom aus Deutschland importiert, als es exportiert. Das zeigen auch die Zahlen des französischen Netzbetreibers RTE. Auf seiner Seite kann auch der französische Stromhandel dieser Augusttage mit denen früherer Jahre verglichen werden: Stets musste Frankreich mehr einkaufen, als es an andere Länder verkaufen konnte.

Eine Entwicklung, die sich zuspitzen wird. Denn wie lange die Rost-Meiler ausfallen und ob noch weitere wegen Korrosionsproblemen gestoppt werden müssen, kann das Energieunternehmen EDF nicht sagen. "Das Programm zur Reparatur und Wartung läuft weiter", sagt eine Sprecherin lediglich auf Anfrage. Ob noch zusätzliche gravierende Mängel auftreten, werde sich zeigen. Das könnte besonders in den Wintermonaten kritisch werden – dann, wenn viele Franzosen und Französinnen ihre elektrischen Heizungen nutzen. "Durch die vielen Probleme im Atompark ist Frankreich mehr denn je auf andere Länder angewiesen – und kann zugleich nicht mehr frühere Kunden wie etwa Italien mit Strom versorgen", sagt Burger.

Trotzdem hält sich im Nachbarland und auch in deutschen Diskussionen hartnäckig die Annahme, Deutschland müsse französischen Atomstrom nutzen. Diese Behauptung fußt häufig auf Graphen, die Stromflüsse von Frankreich nach Deutschland zeigen – nicht aber den tatsächlichen Stromeinkauf. Burger beobachtet diese Falschinformation schon seit Jahren – sowohl statista.de als auch das Statistische Bundesamt und zahlreiche Beiträge auf Social Media verwechselten immer die Stromflüsse mit dem Stromhandel. "Es kommt nur darauf an: Wer hat den Strom verkauft, und wer hat ihn gekauft?" Wenn jemand mit Rotwein in Frankreich losfahre und dann diesen über Deutschland in die Schweiz bringe, dann sei dies auch kein Rotwein für Deutschland. Aber genau auf diese Weise würden die Stromflüsse fehlinterpretiert: Der französische Strom fließe zwar durch deutsche Leitungen, würde aber über die Schweiz nach Italien geführt.