Die Explosion in einem polnischen Dorf nahe der ukrainischen Grenze wurde nach Erkenntnissen der USA wohl durch eine ukrainische Flugabwehrrakete ausgelöst. US-Präsident Joe Biden teilte das bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von Nato- und G7-Staaten auf Bali mit. Biden sprach dabei von einer Rakete des Systems S-300. Das System sowjetischer Bauart ist wesentlicher Bestandteil der ukrainischen Flugabwehr. Das belgische Verteidigungsministerium teilte später mit, dass es sich vermutlich um eine Rakete der ukrainischen Luftabwehr gehandelt habe.

Von mehreren Seiten hieß es nach dem Treffen, die russische Regierung trage mit ihrem Beschuss der Ukraine die Verantwortung für den Vorfall in Polen. Dies gelte selbst dann, wenn es sich tatsächlich um eine ukrainische Abwehrrakete gehandelt haben sollte. Zudem wollte der Nato-Rat zusammenkommen, um über den Vorfall zu beraten. Die polnische Regierung hatte zuvor mitgeteilt, ein Treffen des Militärbündnisses gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrags einzuberufen.

Nach Angaben der polnischen Regierung war eine "Rakete aus russischer Produktion" im ostpolnischen Dorf Przewodów sechs Kilometer von der Grenze zur Ukraine eingeschlagen. Nach Feuerwehrangaben wurden dabei zwei Menschen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb getötet. Die Nachrichtenagentur Interfax Ukraina hat unter Berufung auf Militärexperten berichtet, Fotos von Trümmerteilen an der Einschlagstelle deuteten auf Raketen des Flugabwehrsystems S-300 hin.

Russland spricht von Provokation

Die russische Regierung bestritt, Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen zu haben, und sprach von einer gezielten Provokation. An dem Krisentreffen nahmen die Staats- und Regierungschefs der sieben großen westlichen Demokratien (G7) sowie andere Nato- und EU-Staaten teil. "Wir bieten Polen unsere volle Unterstützung und Hilfe bei den laufenden Ermittlungen an", schrieben die Teilnehmer danach in einer Erklärung. "Wir verurteilen die barbarischen Raketenangriffe, die Russland am Dienstag auf ukrainische Städte und zivile Infrastrukturen verübt hat."

Am Tisch saßen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sowie die Regierungschefs aus Großbritannien, Italien, Kanada und Japan. Biden hatte zuvor mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda telefoniert. Polen versetzte einen Teil seiner Streitkräfte in eine höhere Bereitschaft.

Scholz sprach sich für intensive Untersuchungen des Vorfalls aus. "Es ist jetzt notwendig, dass sorgfältig aufgeklärt wird, wie es dazu gekommen ist, dass diese Zerstörung dort angerichtet werden konnte", sagte er. Zugleich verurteilte der Kanzler die jüngsten Angriffe auf die Ukraine scharf. "Das ist keine akzeptable Form der Kriegsführung in diesem ohnehin ungerechtfertigten Krieg", sagte er.

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