"Ist Ihnen bewusst, dass junge Frauen nicht mehr allein auf die Straße gehen werden?" Der Präsidentschaftskandidat der türkischen Opposition schreit wie selten zuvor. "Erdoğan hat zehn Millionen Flüchtlinge ins Land gebracht, wenn er an der Macht bleibt, werden weitere zehn Millionen kommen!", droht Kemal Kılıçdaroğlu. Es ist sein erster Live-Auftritt nach der ersten Abstimmungsrunde am 14. Mai.
Umfrageinstitute im ganzen Land hatten ihn vor gut einer Woche noch fünf Prozentpunkte oder mehr vor Amtsverteidiger Recep Tayyip Erdoğan gesehen. Im vorläufigen Endergebnis sind die Zahlen nahezu umgekehrt. Weil keiner der beiden über 50 Prozent gekommen ist, geht die Präsidentschaftswahl am 28. Mai in die zweite Runde.
Unter Oppositionsanhängern machte sich in den ersten Tagen nach der Wahl große Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit breit. Ihr Kandidat Kılıçdaroğlu hatte sich als friedliebender Anti-Erdoğan inszeniert, sein Wahlkampfsymbol war ein mit beiden Händen geformtes Herz. Während der türkische Präsident bei Veranstaltungen mit unzähligen Bauprojekten Werbung machte, versprach Kılıçdaroğlu ein Ende der Korruption, von der vor allem die Baubranche befallen sein soll, und warb mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Während Erdoğan die Opposition als Terroristen und Religionsfeinde darstellte, versicherte Kılıçdaroğlu ein Ende der Polarisierung im Land.
Nun scheint der Herausforderer seine Wahlstrategie geändert zu haben: Schluss mit softer Herzchen-Rhetorik, Kılıçdaroğlu setzt jetzt auf Angst. Im Zentrum stehen dabei Nationalismus und Flüchtlingspolitik. Selbst die hohe Inflation im Land rückte Kılıçdaroğlu in diesen Kontext: Die Preise für Brot würden sich unter Erdoğan verdoppeln, warnte er. "Wissen Sie, dass die Migranten dann zu potenziellen Kriminalmaschinen werden und Plünderungen beginnen, dass die Städte dann von ihren Mafia- und Drogenbaronen kontrolliert werden?"
Vielen in Westeuropa dürfte diese hetzerische Polemik nicht gefallen. In der Türkei sieht das anders aus: Je nach Umfrageinstitut wollen 70 bis 80 Prozent der Menschen, dass vor allem die Syrer, die vor Jahren noch bereitwillig aufgenommen wurden, zurückgeschickt werden. Zu Beginn ging man davon aus, dass die Flüchtlinge nur kurzfristig bleiben würden, Integration fand kaum statt. Heute fungiert die Türkei als eine Art Abstellgleis Europas für geflüchtete Menschen. Das ärgert viele Türken. Sie beschuldigen die Syrer zudem, Arbeitsplätze wegzunehmen, türkische Frauen anzugreifen und sukzessive ihr Land zu übernehmen. Letzteres tangiert eine Grundangst der türkischen Gesellschaft.
Dass nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) höchstens vier und nicht, wie von Kılıçdaroğlu behauptet, zehn Millionen Migranten im Land leben, spielt für die meisten Türken keine Rolle. Sie kennen noch höhere Zahlen aus zahlreichen Reden von Politikern extrem rechter Parteien. Einer von ihnen ist Sinan Oğan, der dritte Präsidentschaftskandidat, der mit gut fünf Prozentpunkten aus der ersten Runde hervorgegangen ist. Vertreter der Opposition und von Erdoğans Parteienbündnis buhlen seit Tagen um seine Wahlempfehlung. Kılıçdaroğlus verschärfte Rhetorik wird deswegen auch als Botschaft an Oğan und dessen Wählerschaft verstanden.
Erdoğan erkannte den aktuellen Kurs seines Opponenten mit Kritik an: "Die Versöhnungsshow wurde durch die primitivste, rücksichtsloseste und berüchtigtste Form des Faschismus ersetzt", schrieb er bei Twitter. Handelt Kılıçdaroğlu nur aus Verzweiflung angesichts einer drohenden Niederlage oder zeigt er jetzt sein wahres Gesicht? Ein Bruch mit seiner Parteilinie ist sein harter Ton jedenfalls nicht: Die eher links-säkulare CHP, die auch von vielen Kurden unterstützt wird, war immer patriotisch bis nationalistisch. In der Türkei gehört der Nationalismus nicht den Rechten allein, er ist seit Republikgründung nahezu parteiübergreifend.
"Ist Ihnen bewusst, dass junge Frauen nicht mehr allein auf die Straße gehen werden?" Der Präsidentschaftskandidat der türkischen Opposition schreit wie selten zuvor. "Erdoğan hat zehn Millionen Flüchtlinge ins Land gebracht, wenn er an der Macht bleibt, werden weitere zehn Millionen kommen!", droht Kemal Kılıçdaroğlu. Es ist sein erster Live-Auftritt nach der ersten Abstimmungsrunde am 14. Mai.
Umfrageinstitute im ganzen Land hatten ihn vor gut einer Woche noch fünf Prozentpunkte oder mehr vor Amtsverteidiger Recep Tayyip Erdoğan gesehen. Im vorläufigen Endergebnis sind die Zahlen nahezu umgekehrt. Weil keiner der beiden über 50 Prozent gekommen ist, geht die Präsidentschaftswahl am 28. Mai in die zweite Runde.