Die US-Regierung hat mehrere Monate vor dem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipeline versucht, die Ukraine von einem möglichen Sabotageakt abzuhalten. Recherchen der ZEIT, des ARD-Magazins Kontraste, des SWR, des ARD-Hauptstadtbüros sowie des niederländischen Fernsehens NOS/Nieuwsuur zufolge warnte der US-amerikanische Geheimdienst CIA die ukrainischen Behörden im Juni 2022 in einer Art staatlicher Gefährderansprache vor einer militärischen Operation gegen die auf dem Grund der Ostsee verlaufenden Gasröhren. Die Botschaft, von der CIA auf Arbeitsebene überbracht, habe sinngemäß gelautet: Don’t do it, tut es nicht. So schildern es mehrere Beteiligte aus verschiedenen Ländern mit Kenntnis des Vorgangs. Die CIA wollte sich auf Anfrage der ZEIT nicht äußern.

Grundlage der amerikanischen Warnung war ein vertraulicher Quellenbericht aus den Niederlanden: Deren militärischer Nachrichtendienst hatte im Juni detailliert über einen angeblich geplanten Anschlag auf Nord Stream 1 informiert. Dem Bericht zufolge bereitete ein ukrainisches Kommando die Sabotage der Pipeline vor. Die ukrainischen Soldaten planten, für die Ausführung der Operation ein Boot in einem Anrainerstaat der Ostsee zu mieten. Der Anschlag solle noch im Juni durchgeführt werden. Nord Stream 1 verbindet Russland mit Deutschland, seit 2011 lieferte der russische Konzern Gazprom auf diesem Weg Gas in die Bundesrepublik.

Der Hinweis stammte offenbar von einem Informanten in der Ukraine und wurde von den Niederländern nicht nur an die CIA weitergeleitet, sondern etwas später auch an mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland – wohl in der Hoffnung, den Anschlag noch verhindern zu können. Daraufhin suchte die CIA das Gespräch mit Kiew, dem Vernehmen nach mit dem ukrainischen Geheimdienst. Die Niederländer wollen sich auf Anfrage nicht äußern.

Sechs Soldaten sollen zum Kommando gehört haben

Wenig später verschickte die CIA ihrerseits einen vertraulichen Bericht, in dem der Plan mit zusätzlichen Details geschildert wurde. Demnach sei der Anschlag auf Nord Stream im Anschluss an die NATO-Militärübung Baltops geplant gewesen, die vom 5. bis zum 17. Juni 2022 stattfand. Sechs Mitglieder der ukrainischen Spezialkräfte hätten geplant, unter Verwendung falscher Identitäten ein Boot zu mieten und mithilfe von Tauchgeräten und eines speziellen Helium-Gemisches zur Nord-Stream-Pipeline zu tauchen, die auf etwa 80 Metern Tiefe auf dem Boden der Ostsee verläuft. Die ukrainischen Spezialkräfte würden direkt an den Chef der ukrainischen Streitkräfte, den Vier-Sterne-General Walerij Saluschnyj berichten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei hingegen nicht eingebunden. So schilderte die Washington Post vergangene Woche den Inhalt des CIA-Berichts. Über die Existenz des CIA-Hinweises aus dem Juni hatten im September, kurz nach den Anschlägen auf Nord Stream 1 und 2, erstmals der Spiegel sowie die New York Times berichtet, ohne allerdings eine mutmaßliche ukrainische Beteiligung zu nennen. 

Unklar ist, wie die ukrainischen Behörden im vergangenen Sommer auf die Kontaktaufnahme der CIA reagiert haben. Die US-Behörden gingen offenkundig davon aus, dass die Ansprache Erfolg hatte. Die ukrainische Planung sei "on hold" gelegt worden, zitiert die Washington Post aus einem US-Geheimbericht. Nachdem der ursprünglich von dem Informanten genannte Anschlagstermin im Juni verstrichen war, ohne dass etwas vorgefallen war, stufte die CIA die Glaubwürdigkeit als nicht sonderlich hoch ein.

Kurz nach den Anschlägen vom September meldete sich der niederländische Militär-Geheimdienst allerdings erneut. In einem weiteren vertraulichen Bericht, der offenbar abermals auf die Schilderung einer Quelle in der Ukraine zurückgeht, wird die Ukraine als das Land genannt, von dem der Anschlag ausgegangen sei. Über diesen zweiten Bericht hatte Anfang März erstmals die ZEIT, Kontraste, SWR und das ARD-Hauptstadtbüro berichtet. Offenbar hatte jene Gruppierung in der Ukraine, die den Anschlag vorbereitete, unverdrossen weitergemacht – und nur eine Reihe von Details verändert, etwa den Zeitpunkt und den Ausgangspunkt der Operation.