An der Außenseite des estnischen Außenministeriums ist eine Plakette befestigt, auf der 15 Namen stehen, eine Erinnerung an die 15 Verteidigungsminister von Estland zwischen 1918 und 1940. Einer von ihnen verstarb in den Sechzigerjahren in Lübeck, er war nach der völkerrechtswidrigen Eingliederung seiner Heimat in die Sowjetunion 1940 geflohen. Die 14 anderen, so erklärt Veiko-Vello Palm, der Befehlshaber des estnischen Heeres, seien in den frühen Vierzigerjahren entweder von Russen erschossen worden oder in sowjetischer Gefangenschaft gestorben. Russland, so sagt Palm wenig später bei einem Briefing im Ministerium, verstehe nur eine Sprache der Stärke, daher dürfe es auch nur eine Botschaft in Richtung Moskau geben: "Wenn du die Grenze zur Nato übertrittst, stirbst du." Der General zögert kurz und korrigiert sich dann: "Wenn du die Grenze zur Nato übertrittst, töte ich dich."

Nirgends in der Nato ist das Gefühl der Bedrohung durch Russland so ausgeprägt wie in den einstigen Sowjetrepubliken Lettland, Litauen und Estland, die heute das sind, was Deutschland bis zum Fall der Mauer 1989 war: die Ostflanke des westlichen Bündnisses. Von den Gräueltaten der russischen Armee in der Ukraine ist hier, anders als so mancher im Westen, niemand überrascht. Die baltischen Regierungschefs fordern öffentlich Verteidigungsetats der Nato-Mitgliedstaaten in Höhe von drei Prozent des BIP – Deutschland schafft nicht mal die versprochenen zwei Prozent, Estland wird kommendes Jahr auf 3,2 erhöhen. Und bei der Annual Baltic Conference on Defense (ABCD), der jährlichen Sicherheitskonferenz in Tallinn, sind sich drei Diskutanten auf einem Podium einig: "Nicht Putin ist das Problem, Russland ist es." Oder wie es einer der drei formuliert: "Wenn Putin zu nah an ein offenes Fenster kommt, wird sein Nachfolger nichts, gar nichts ändern."

"So lange, wie es nötig ist"

Ein sehr interessanter Widerspruch zur Wahrnehmung in Deutschland. Denn in Berlin wird der Einmarsch der Russen unverändert als "Putins Krieg" beschrieben – ein Label, das die Vorstellung beflügelt, ohne den geschichtsbesoffenen Revisionisten im Kreml käme man schnell zurück zum Status quo ante. Die Balten gehen hingegen davon aus, dass selbst ein Ende des Krieges nicht das Ende einer fundamentalen Auseinandersetzung mit Russland bedeute. "Die wird nicht Jahre, sie wird noch Jahrzehnte andauern", sagt ein ABCD-Panelist.  

In dieser Atmosphäre des uneingeschränkten Alarmiertseins hat Verteidigungsminister Boris Pistorius von Montag bis Mittwoch Lettland und Estland besucht. In Litauen, dem Land, mit dem die Bundeswehr beim Schutz der Ostflanke besonders eng zusammenarbeitet, war er bereits mehrfach, nun kamen die Nachbarn dran. Zwei Formulierungen prägten seine öffentlichen Reden, "every inch" und "as long as ist takes". Jeden Zentimeter des Nato-Gebietes werde Deutschland an der Seite seiner baltischen Verbündeten verteidigen – und die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor militärisch, wirtschaftlich und humanitär unterstützen – und zwar "so lange, wie es nötig ist". 

In Riga und Tallinn sammelte Pistorius von lettischen und estnischen Verteidigungsministern sowie estnischen und lettischen Regierungschefs mal großen und mal noch größeren Dank für die Luftraumüberwachung durch deutsche Eurofighter, für den Beginn der Entsendung einer kompletten Bundeswehr-Brigade an die Ostflanke und auch dafür ein, dass Deutschland nach den USA zum zweitgrößten Unterstützer der Ukraine aufgestiegen ist. Und doch war immer zu spüren, dass die Gastgeber noch ein bisschen mehr von ihrem wichtigsten Nato-Verbündeten in Europa erwarten. Dass es ihnen durchaus recht wäre, wenn etwa Deutschland jene zwei Prozent des BIP bereits fürs Militär ausgeben würde, die seit dem jüngsten Nato-Gipfel in Vilnius noch den Appendix "plus x" mit sich herumschleppen. Und wenn zum Jahresende nicht erst die "Roadmap" für die Verlegung der Brigade in den baltischen Staaten eintreffen würde, sondern die Brigade selbst. Oder wenn die Deutschen die Mittelstreckenraketen vom Typ Taurus in die Ukraine schicken würden, anstatt über das Schicken zu diskutieren.

In diesem Stimmungsmix aus Dankbarkeit und Ungeduld trat Pistorius am Mittwochmorgen vor das Publikum der ABCD-Konferenz und hielt eine Rede, die zum Ziel hatte, die drei kleinen Nato-Frontstaaten an der russischen Grenze zu beruhigen. Auf den obligatorischen Eröffnungsrespekt ("Bin tief beeindruckt, wie Sie mit den dramatischen Veränderungen umgehen") und der ebenso obligatorischen Verurteilung von "Russlands Krieg gegen die Ukraine" folgen die erwarteten "every inch" und "as long as it takes", bevor Pistorius zum Kern seiner Rede vordringt: "Unsere Botschaft an unsere Freunde und Verbündete ist klar: Ihr könnt euch auf uns verlassen!" Kurz darauf folgen noch: "Die Sicherheit unserer Verbündeten ist unsere Sicherheit" und "Eure Freiheit ist unsere Freiheit". Und dann kommt noch, auch nicht ganz neu, das stets mit einem Hauch schlechten Gewissen parfümierte Eigenlob des bisher von Deutschland Geleisteten und Gelieferten. Von der Panzerhaubitze bis zur zum Luftabwehrsystem Iris-T.

Das Interessanteste an Pistorius Rede ist eine Formulierung, die man zwar kennt, aber nicht vom deutschen Verteidigungsminister. Nachdem Pistorius einmal gesagt hat, was Olaf Scholz nie sagt – "Die Ukraine muss den Krieg gewinnen" ­–, schwenkt er in Tallinn auf Kanzlersprech ein: "Putin darf keinen Erfolg haben." Zwei Dinge kann man daraus lernen. Erstens, der Kanzler, bei den Deutschen gerade nicht sonderlich beliebt, hat den Umfrage-König in seinem Kabinett auf Linie gebracht. Und zweitens, hätte Pistorius das Schild an der Außenwand des Verteidigungsministeriums gesehen, hätte er den Satz neu formuliert: "Russland darf keinen Erfolg haben."