Der Antisemitismus hat in Frankreich eine lange Geschichte. In diesen Tagen wird wieder an die Dreyfus-Affäre erinnert: Die willkürliche Verurteilung des jüdischen Offiziers wegen Landesverrats und der darauffolgende Aufruhr Ende des 19. Jahrhunderts gehören bis heute zu den Schlüsselmomenten der Republik. Seither wurde der Antisemitismus vor allem auf der nationalistischen Rechten verortet. Die Gründung des Front National, wie der RN früher hieß, stand in dieser Tradition.
Marine Le Pen hat die Angriffe auf sich und ihre Partei in den vergangenen Tagen zurückgewiesen. Genau deshalb habe sie politisch mit ihrem Vater gebrochen: weil dieser ein zweideutiges Verhältnis zum Antisemitismus habe. Tatsächlich hatte sie die Partei, die sie von ihm übernommen hatte, zunächst umbenannt und ihren Vater später ausgeschlossen. Ihre Linie, wiederholt sie nun, sei klar: "Wenn es um Antisemitismus geht, darf es keine Zweideutigkeiten geben." Jean-Marie Le Pen selbst ist mittlerweile 95 und hat sich seit einer Weile nicht mehr öffentlich geäußert.
Schon einmal hatte Marine Le Pen vor einigen Jahren versucht, an einer Demonstration gegen Antisemitismus teilzunehmen. Damals war sie ausgepfiffen und de facto zur unerwünschten Person erklärt worden. Ganz anders ist die Situation nun: Nach dem anfänglichen Zusammenstoß mit den Golem-Aktivisten können Le Pen, Bardella und mehrere Dutzend RN-Abgeordnete fast drei Stunden lang unbehelligt mitmarschieren. Der Marsch sei "ein wesentlicher Moment in der Geschichte der Partei der extremen Rechten", sagt der Historiker Grégoire Kauffmann: "Eine gläserne Decke ist durchbrochen."
Antisemitische Stereotype halten sich
Schon vorab hatte Marine Le Pen unerwartete Unterstützung erhalten. Ausgerechnet Serge Klarsfeld hatte ihre Teilnahme an der Demonstration gutgeheißen. Der Holocaust-Überlebende ist mittlerweile 88 Jahre alt. Nach dem Krieg hatte er zahlreiche Prozesse gegen frühere Nationalsozialisten angestrengt, in Frankreich gilt er bis heute als moralische Instanz. Der Antisemitismus sei die DNA der extremen Rechten, sagte Klarsfeld nun in einem Interview dem Figaro: "Daher freue ich mich, wenn ich sehe, dass eine große Partei, die aus der extremen Rechten hervorgegangen ist, den Antisemitismus … aufgibt." Marine Le Pen habe die Ideologie der Partei "vollständig geändert". Traurig sei er hingegen, fügte Klarsfeld hinzu, dass die extreme Linke "ihre Aktionslinie gegen den Antisemitismus verlassen" habe.
Jean-Luc Mélenchon hatte sich nach dem Angriff der Hamas zunächst geweigert, diese als Terrororganisation zu bezeichnen. Später kritisierte er die Präsidentin der Nationalversammlung, die selbst aus einer jüdischen Familie stammt, als diese bei einem Besuch in Israel dem Land Unterstützung zusagte. Im Vorfeld des Pariser Marsches gegen Antisemitismus höhnte Mélenchon: Dort würden sich "die Freunde der uneingeschränkten Unterstützung des Massakers" treffen. Gemeint waren die Unterstützer Israels. Umgekehrt hat LFI mehrfach zu propalästinensischen Demonstrationen aufgerufen, bei denen der Widerstand gegen Israel beschworen wurde.
Die liberale Stiftung Fondapol hat in der Vergangenheit regelmäßig untersucht, wie weit antisemitische Stereotype in Frankreich verbreitet sind. Rund ein Viertel der Französinnen und Franzosen glauben demnach, dass Juden reicher seien als der Durchschnitt der Menschen im Land. 26 Prozent sagen, sie hätten zu viel Macht in der Wirtschafts- und Finanzwelt. Besonders ausgeprägt sind die Vorurteile bei den extremen Rechten und den extremen Linken: 34 Prozent der LFI-Anhänger und 33 Prozent der RN-Anhänger glauben, dass Juden zu viel Macht haben.
Dabei, heißt es in der jüngsten Fondapol-Studie zu dem Thema, gebe es "eine wichtige Entwicklung": Die Vorurteile unter den Anhängern der extremen Linken hätten in den vergangenen Jahren eher zugenommen. Eine Tendenz, die die Soziologin Nonna Mayer gegenüber Le Monde bestätigt: "Die Vorurteile auf der extremen Linken steigen leicht an." Allerdings, fügt sie hinzu, noch "schlägt die extreme Rechte alle Rekorde". Der Antisemitismus hat in Frankreich offensichtlich nicht die Seiten gewechselt: Er hat sein Feld vergrößert.